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In der Öffentlichkeit, speziell in den Schweizer Tageszeitungen, wird vorwiegend ein abstrus negatives Bild über in unserer Gesellschaft lebende Flüchtlinge gezeichnet.

Entweder geht es über einen Fall von Verfehlung, bei dem herauskommt, dass ein Asylsuchender auf irgend eine Weise das System missbraucht hat und jetzt öffentlich an den Pranger gestellt wird. (Und mit ihm dann stillschweigend die ganze Bagage.)
Oder, es wird von jemandem berichtet, der sich seiner Ausschaffung widersetzt. Jemand, der einst „illegal“ das Land betreten hat und jetzt wieder verschwinden soll – und das nicht will.

Weder ist wahrnehmbar, dass das Flüchtlingsthema in der medialen Öffentlichkeit mehr Raum einnimmt, noch ist in der seit Monaten anhaltenden Situation eine akzentuale Verschiebung der Berichterstattung beobachtbar.
Zwischen den Zeilen geht es immer nur um Schmarotzer und Renitente.

Aber ist das wirklich alles?
Okay. Hier ist jemand, der liegt euch auf der Tasche.
Okay. Und es ist auch nicht nur eine Person. Da sind ein paar tausend. Die kosten Geld. Jeden Tag.

Und ja, die wollen nicht freiwillig gehen.
Warum sollten sie auch? Zum einen, wissen die nämlich nicht, wohin sie gehen sollten. Und zum anderen, lässt sich hier etwas Essbares leichter auftreiben.

Diese Menschen sind nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Im Gegensatz zu uns, wurde ihnen nicht in die Wiege gelegt, dass sie eine generöse, staatliche Schulbildung, oder sogar Individualförderung geniessen könnten.
Und sie konnten sich auch nie darauf verlassen, eines Tages ein anständiges Erbe zu kassieren.

 

Ein grosses, warmes, weiches Bett und stets einen gut gefüllten Kühlschrank zu haben, ist für sie keine Selbstverständlichkeit.
Ganz im Gegenteil.
Die Dankbarkeit, die mir mal zuteil wurde, als ich einem einen Apfel zugesteckt habe, hat mich erschüttert.

 

Wie kann man erschüttert sein von Dankbarkeit?
„Danke“ oder „Merci“ ist nur ein Wort. Aber ein Wort auch so zu meinen, ist eine ganz andere Geschichte.

Unsere täglichen, tausendfach dahingeflöteten Mercis sind nur Worte. Leere Worte. Konditionierungen des Alltags.

 

Die Dankbarkeit, die ich so manches Mal von meinen Schülern erhalten habe, hatte meine Welt für einen Moment angehalten.

Wenn ein Moment sich ausdehnt … gewinnt er durch seine Präsenz an Kraft, und rückt all das Dahingelebte, das Nebensächliche und das Unwichtige dorthin, wo es hingehört: an die Peripherie des Lebens. Der Moment degradiert und offenbart. Er ist schonungslos und verstörend, und er zerstört Rangordnungen. Solch ein Moment der Erkenntnis beeinflusst das Leben nachhaltiger, als 20 Jahre Vor-Sich-Hin-Leben in Trott und Alltag.

Die Dankbarkeit in ihren Augen, die einschiessenden Tränen … waren ein Schock für mich.

Mein Gott, wir leben doch in so viel Fülle!
Die Regale in unseren Supermärkten sind zum Bersten voll mit den rundesten, prallsten, farbenfrohesten Früchten und Gemüsen.
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass hier jemand Hunger leidet.

Und ja, vielleicht war es auch nicht dieser Hunger, an dem sie litten.

Ich habe vorher gesagt, dass ich die Berichterstattung über Asylsuchende in Schweizer Tageszeitungen als vorwiegend negativ empfinde.

Es mag dies eine Taktik sein, um Ressentiments in der Bevölkerung zu schüren. Mit solchen Artikeln, insbesondere wenn sie in der Information negativ gehalten sind, kann man sehr gut die Meinungsbildung steuern.
Liest man dann dazu noch die Kommentare, kriegt man direkt die Bestätigung, wie gut die Saat aufgeht.

Dabei hat es etwas paradoxes.
Die Schweiz ist ein sehr wohlhabendes Land.
Zürich präsentiert seinen Reichtum mit stiller Selbstverständlichkeit. Man hat, aber man redet nicht darüber.

Der neulich erweiterte und ausgebaute Zürcher Hauptbahnhof ist ein Musterbeispiel an Eleganz, Weitläufigkeit, Sterilität und Kälte.
Und er ist eine ziemlich gute Reflektion des gesellschaftlichen Status Quo.
Er protzt nicht, aber man sieht trotzdem, dass Geld da ist.

Ein Bahnhof erbaut mit Stil ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Eine gelungene Architektur ist ja nicht nur Balsam für’s Selbstbewusstsein, sondern damit lässt sich ja auch gut international Prestige machen.

 

Ich verstehe es schon. Kultur hat viele Facetten.
Aber dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir unsere Prioritäten unglücklich legen. Vorsichtig ausgedrückt.

Warum setzen wir nicht die gleichen stilistischen Anforderungen, die wir für unsere Bauwerke erheben, auch an unsere menschlichen Beziehungen? Nicht 1:1 natürlich, aber relativ gesehen?

Wie kann es sein, dass wir Menschen, die aus Notsituationen zu uns kommen, pauschal als Schmarotzer und Taugenichtse aburteilen, und sie geifernd und kakophon so schnell wie möglich wieder aus dem Land bugsieren wollen?

Vor was, liebe Kommentar-Ereiferer, habt ihr eigentlich solche Angst?
Das sie euch die Haare vom Kopf fressen?
Das sie euch die letzten Kartoffeln klauen?

Ja, sie mögen nicht das Privileg gehabt haben, in einer reichen, friedlichen Gesellschaft geboren worden zu sein.
Es mag keine Selbstverständlichkeit für sie sein, jeden Morgen in einem Bett aufzuwachen und etwas zu Essen zu haben.
Es mag auch keine Selbstverständlichkeit für sie sein, aus dutzenden von Kleidungsstücken gerade das eine für den Tag auswählen zu können.

Für uns sind das Selbstverständlichkeiten.

Ich glaube, diejenigen, die in den Kommentarspalten Gift und Galle speien, haben Angst vor dem Zusammenbruch ihres Universums der Selbstverständlichkeiten.

Ihre Welt ist klein. Ihr Herz ist klein. Und alles woran sie meisseln, ist ihre Welt aus Stein.
So wie der neue Zürcher HB. Glanz und glatt poliert. Aber kein Ort, wo man länger bleiben mag als nötig.

In der Öffentlichkeit, speziell in den Schweizer Tageszeitungen, wird vorwiegend ein abstrus negatives Bild über in unserer Gesellschaft lebende Flüchtlinge gezeichnet.

Entweder geht es über einen Fall von Verfehlung, bei dem herauskommt, dass ein Asylsuchender auf irgend eine Weise das System missbraucht hat und jetzt öffentlich an den Pranger gestellt wird. (Und mit ihm dann stillschweigend die ganze Bagage.)
Oder, es wird von jemandem berichtet, der sich seiner Ausschaffung widersetzt. Jemand, der einst „illegal“ das Land betreten hat und jetzt wieder verschwinden soll – und das nicht will.

Weder ist wahrnehmbar, dass das Flüchtlingsthema in der medialen Öffentlichkeit mehr Raum einnimmt, noch ist in der seit Monaten anhaltenden Situation eine akzentuale Verschiebung der Berichterstattung beobachtbar.
Zwischen den Zeilen geht es immer nur um Schmarotzer und Renitente.

Aber ist das wirklich alles?
Okay. Hier ist jemand, der liegt euch auf der Tasche.
Okay. Und es ist auch nicht nur eine Person. Da sind ein paar tausend. Die kosten Geld. Jeden Tag.

Und ja, die wollen nicht freiwillig gehen.
Warum sollten sie auch? Zum einen, wissen die nämlich nicht, wohin sie gehen sollten. Und zum anderen, lässt sich hier etwas Essbares leichter auftreiben.

Diese Menschen sind nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Im Gegensatz zu uns, wurde ihnen nicht in die Wiege gelegt, dass sie eine generöse, staatliche Schulbildung, oder sogar Individualförderung geniessen könnten.
Und sie konnten sich auch nie darauf verlassen, eines Tages ein anständiges Erbe zu kassieren.

 

Ein grosses, warmes, weiches Bett und stets einen gut gefüllten Kühlschrank zu haben, ist für sie keine Selbstverständlichkeit.
Ganz im Gegenteil.
Die Dankbarkeit, die mir mal zuteil wurde, als ich einem einen Apfel zugesteckt habe, hat mich erschüttert.

 

Wie kann man erschüttert sein von Dankbarkeit?
„Danke“ oder „Merci“ ist nur ein Wort. Aber ein Wort auch so zu meinen, ist eine ganz andere Geschichte.

Unsere täglichen, tausendfach dahingeflöteten Mercis sind nur Worte. Leere Worte. Konditionierungen des Alltags.

 

Die Dankbarkeit, die ich so manches Mal von meinen Schülern erhalten habe, hatte meine Welt für einen Moment angehalten.

Wenn ein Moment sich ausdehnt … gewinnt er durch seine Präsenz an Kraft, und rückt all das Dahingelebte, das Nebensächliche und das Unwichtige dorthin, wo es hingehört: an die Peripherie des Lebens. Der Moment degradiert und offenbart. Er ist schonungslos und verstörend, und er zerstört Rangordnungen. Solch ein Moment der Erkenntnis beeinflusst das Leben nachhaltiger, als 20 Jahre Vor-Sich-Hin-Leben in Trott und Alltag.

Die Dankbarkeit in ihren Augen, die einschiessenden Tränen … waren ein Schock für mich.

Mein Gott, wir leben doch in so viel Fülle!
Die Regale in unseren Supermärkten sind zum Bersten voll mit den rundesten, prallsten, farbenfrohesten Früchten und Gemüsen.
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass hier jemand Hunger leidet.

Und ja, vielleicht war es auch nicht dieser Hunger, an dem sie litten.

Ich habe vorher gesagt, dass ich die Berichterstattung über Asylsuchende in Schweizer Tageszeitungen als vorwiegend negativ empfinde.

Es mag dies eine Taktik sein, um Ressentiments in der Bevölkerung zu schüren. Mit solchen Artikeln, insbesondere wenn sie in der Information negativ gehalten sind, kann man sehr gut die Meinungsbildung steuern.
Liest man dann dazu noch die Kommentare, kriegt man direkt die Bestätigung, wie gut die Saat aufgeht.

Dabei hat es etwas paradoxes.
Die Schweiz ist ein sehr wohlhabendes Land.
Zürich präsentiert seinen Reichtum mit stiller Selbstverständlichkeit. Man hat, aber man redet nicht darüber.

Der neulich erweiterte und ausgebaute Zürcher Hauptbahnhof ist ein Musterbeispiel an Eleganz, Weitläufigkeit, Sterilität und Kälte.
Und er ist eine ziemlich gute Reflektion des gesellschaftlichen Status Quo.
Er protzt nicht, aber man sieht trotzdem, dass Geld da ist.

Ein Bahnhof erbaut mit Stil ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Eine gelungene Architektur ist ja nicht nur Balsam für’s Selbstbewusstsein, sondern damit lässt sich ja auch gut international Prestige machen.

 

Ich verstehe es schon. Kultur hat viele Facetten.
Aber dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir unsere Prioritäten unglücklich legen. Vorsichtig ausgedrückt.

Warum setzen wir nicht die gleichen stilistischen Anforderungen, die wir für unsere Bauwerke erheben, auch an unsere menschlichen Beziehungen? Nicht 1:1 natürlich, aber relativ gesehen?

Wie kann es sein, dass wir Menschen, die aus Notsituationen zu uns kommen, pauschal als Schmarotzer und Taugenichtse aburteilen, und sie geifernd und kakophon so schnell wie möglich wieder aus dem Land bugsieren wollen?

Vor was, liebe Kommentar-Ereiferer, habt ihr eigentlich solche Angst?
Das sie euch die Haare vom Kopf fressen?
Das sie euch die letzten Kartoffeln klauen?

Ja, sie mögen nicht das Privileg gehabt haben, in einer reichen, friedlichen Gesellschaft geboren worden zu sein.
Es mag keine Selbstverständlichkeit für sie sein, jeden Morgen in einem Bett aufzuwachen und etwas zu Essen zu haben.
Es mag auch keine Selbstverständlichkeit für sie sein, aus dutzenden von Kleidungsstücken gerade das eine für den Tag auswählen zu können.

Für uns sind das Selbstverständlichkeiten.

Ich glaube, diejenigen, die in den Kommentarspalten Gift und Galle speien, haben Angst vor dem Zusammenbruch ihres Universums der Selbstverständlichkeiten.

Ihre Welt ist klein. Ihr Herz ist klein. Und alles woran sie meisseln, ist ihre Welt aus Stein.
So wie der neue Zürcher HB. Glanz und glatt poliert. Aber kein Ort, wo man länger bleiben mag als nötig.

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