Select Page

„Tod am Mittag – die Entscheidung der Gillian Bennett“

 

So endet ein herzzerreißender offener Brief, geschrieben von der 83-jährigen Anwohnerin von Bowen Island (Kanada), Gillian Bennett. Dieser wurde am Montag (18.08.2014) kurz nach ihrem Tod, online publiziert.

 

Die an Demenz Leidende, hatte das Wochenende mit der Verabschiedung von ihrem Sohn und ihrer Tochter verbracht. Als die Zeit gekommen war, zog sie eine Schaummatratze zu einem ihrer Lieblingsorte draussen, nahm einen Schluck Whisky und schluckte zwei Barbiturate.

 

Tod am Mittag Gillian Bennett

1930 – 18.08.2014


 

 

Ich werde mir heute gegen Mittag das Leben nehmen. Es ist Zeit. Die Demenz fordert ihren Tribut, und ich habe fast mein Selbst verloren. Ich habe fast mich verloren. Jonathan, der geradlinigste und klügste aller Männer, wird an meiner Seite weilen als liebender Zeuge.

 

Ich wußte seit drei Jahren, dass ich Demenz habe – ein fortschreitender Verlust von Gedächtnis und Urteilsvermögen.

Es ist eine schleichende, unbeugsame und ach-so verläßliche Krankheit. Ich hätte es präferiert irgendein exotisches Gebrechen zu haben, eines dessen Namen einem nur schwer über die Lippen kommt. Aber nein, was ich habe ist vollkommen typisch. Ich finde es ist ein langweiliges Gebrechen. Und abgesehen von der Süsse und Höflichkeit meiner Familie, bin ich klar genug zu erkennen, dass auch sie es langweilig finden. Es ist so gemein für meinen Mann, Jonathan. Und obwohl ich nicht denke, dass meine geliebte Katze es bemerkt hat, bin ich mir doch nicht sicher darüber.

 

Demenz gibt kein Pardon und erlaubt kein Feilschen. Die Forschung sagt, es wäre eine „stille Krankheit“; eine, die sich jahrelang oder sogar Jahrzehnte versteckt hält, bevor ihre Symptome sich zeigen. Noch recht langsam am Anfang, jetzt viel schneller, verwandle ich mich in Gemüse. Es ist schwer für mich im Kopf zu behalten, dass meine Enkeltochter in drei Tagen zu Besuch kommt und nicht heute. Die Frage „Wo bewahren wir X auf?“ (Kaffee, Milchaufschäumer, Enter-Taste auf der Tastatur, ein Buch das ich gerade lese) stelle ich ständig. Die ganze Zeit muß ich überwachen was ich sage, um nicht einem immensen Urteilsverlust anheim zu fallen.

 

Mit fortschreitender Demenz kommt eine Zeit, wenn man nicht länger kompetent genug ist, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln. Ich will mich befreien, bevor ich meine Situation überhaupt nicht mehr selbst einschätzen kann, oder selbst Maßnahmen ergreifen kann, um mein Leben zu beenden. Es könnte ebenso eine Zeit kommen, zu der ich eine Entscheidung aufgrund meines sich verschlechternden Gesundheitszustands treffen muß.

Ich mag keine Krankenhäuser – es sind unreine Orte. Jeder Arzt rät dir von ihnen fern zu bleiben, wenn du nur kannst. Ich möchte nicht fallen, ich möchte keinen Schlaganfall oder irgendeine unvorhergesehene Komplikation, die meine Entscheidung über den Haufen werfen würde, Kanada so wenig wie möglich Kosten in meinen letzten Jahren zu verursachen.

 

Verstehen Sie, dass ich nichts aufgebe indem ich Suizid begehe. Alles was ich verliere, ist eine unbestimmte Anzahl an Jahren, in der ich Gemüse in einem Krankenhausszenario bin, finanziell dem Staat zu Lasten falle, während ich überhaupt keine Idee mehr habe, wer ich eigentlich bin.

 

Jeder von uns ist einzigartig bei der Geburt und einzigartig beim Tod. Das Sterben verbinde ich mit dem letzten Abenteuer mit einem vorhersagbaren, abrupten Ende. Ich weiß wenn es an der Zeit ist zu gehen, und ich fürchte mich nicht davor.

Es gibt viele Dinge, in die wir uns hineinsteigern. Es scheint als hätten wir ein Bedürfnis danach, die Dinge richtig tun zu wollen. Sollen wir zur Party lieber eine Flasche Wein oder lieber Blumen mitbringen? Sind Jeans und meine neuen Schuhe in Ordnung, oder ist dies zu gewöhnlich? Wie finde ich eine neue Beziehung?

 

Wir sprechen NICHT viel darüber, wie wir sterben. Dem Tod ins Gesicht zu sehen, ist dennoch durchaus interessant und fesselnd und herausfordernd. Ich habe Wahlmöglichkeiten, die ich mir angesehen habe – und entweder angenommen oder verworfen habe. Ich denke ich habe die richtige Wahl für mich getroffen.

Ich habe dies mit Freunden und Verwandten besprochen. Es ist kein verbotenes Thema. Alles andere als das.

 

***

 

Jeden Tag verliere ich ein wenig von mir selbst, und es ist offensichtlich, dass ich mich in eine Richtung bewege, in die sich alle Demenzpatienten bewegen: nicht zu wissen, wer ich bin und eine Vollzeitbetreuung benötigend. Als ich diese Worte schreibe, weiß ich, dass ich, Gillian, innerhalb von sechs Monaten, oder neun Monaten oder 12 Monaten, nicht mehr hier sein werde. Was wird mit meinem Körper zu tun sein? Er wird noch physisch intakt sein, aber es wird keiner mehr darin weilen.

 

Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich habe meine Optionen geprüft:

  1. Eine Pflegebetreuung für meinen sinnlosen Körper zu haben. Dies würde finanzielle Härte für jene bedeuten, die ich zurücklasse, oder zumindest sie in scheinbar endlose Verpflichtungen hineinziehen, die die schönsten Erinnerungen an mich erodieren lassen würden.
  2. Pflegeersuchen an die Regierung – was auch immer diese ermöglichen kann. (Die Einrichtung wird von meinem Ehemann, Kindern und Enkelkindern erwarten, dass sie häufig zu Besuch kommen und ihren Dank dafür ausdrücken, wie hervorragend sich um die Gebeine gekümmert wird. Das ist schon schön, aber nicht das was ich mir für meine Familie wünsche.)
  3. Mein Leben zu beenden, indem ich adäquate Barbiturate einnehme, bevor sich mein Verstand vollends verabschiedet hat. Von einem ethischen Standpunkt aus betrachtet, scheint mir dies das Richtige zu sein.

 

Ich kann für ungefähr zehn Jahre in Krankenhäusern leben und dahinvegetieren – auf Kosten Kanada’s und dabei jährliche Kosten zwischen $50,000 und $75,000 verursachen. Und das ist nur der Anfang des Schreckens. Krankenschwestern, die sich vor einer Karriere von Bedeutung gesehen haben, finden sich fortwährend darin wieder, meine Windeln zu wechseln oder Zustandsberichte zu verfassen, die die Veränderungen einer leeren Hülle beschreiben. Es ist irrsinnig, verheerend und ungerecht.

 

Meine Familie, die alle vernünftig und lustig obendrein sind, würden mich nicht in einem Krankenhaus besuchen kommen, weil sie wissen, dass ich dies nicht wöllte.

 

***

 

Die Welt stöhnt unter dem Gewicht einer alternden Bevölkerung. Wir leben länger, und unsere Lebenserwartungen steigen weiter an. Im Jahre 2045 wird das Verhältnis von Bürgern im arbeitsfähigen Alter zu ihren älteren Familienangehörigen zunehmend erdrückend werden – fast überall auf der Welt. In Kanada und den USA wird erwartet, dass das Verhältnis ein Ausmaß von 16 Arbeitern für 10 ältere Abhängige annimmt. Da kommt ein soziales und ökonomisches Disaster auf uns zu.
Und dennoch sagen die meisten Menschen, sie möchten gern 90 oder 100 Jahre alt werden, oder sogar darüber hinaus.

 

Es gibt hier eine Vielzahl ethischer Themen:  Lebensverlängernde Maßnahmen ändern des Menschen Vorstellung, was es bedeutet ein Mensch zu sein – und nicht zum Besseren. Während wir, die Älteren, uns vielfältigen Operationen aussetzen und verblöden, während wir uns im Krankenhausbett aufhalten, werden die Schulsysteme unserer Enkelkinder – ihre schulischen, athletischen und kulturellen Möglichkeiten – ausgepresst und ausgetrocknet.

 

Das Herzstück des Problems ist mathematischer Art: Der Nachkriegs-Sozialstaat – erschaffen zu einer Zeit, in dem der Babyboom noch am Austragen war – ist gebaut auf einem Generations-Schneeballsystem. Während die Lebenserwartung zunimmt und die Geburtsraten abnehmen, invertiert sich die Bevölkerungspyramide – und in einigen Ländern läßt dies bereits die gesamte Wirtschaft umkippen.

 

***

 

Jede Person um die 50 Jahre, der oder die mental gesund ist, sollte eine Patientenverfügung aufsetzen, die umreißt wie man sterben möchte, und die die Umstände beschreibt unter welchen man nicht wiederbelebt werden möchte, etc.

Fügen Sie dem eine Aussage hinzu, wie: „Wenn ich krank bin und gebrechlich, und eine Infektion wie z.B. eine Lungenentzündung bekomme, soll kein Versuch unternommen werden, mein Leben mit Antibiotika zu retten. Betet, dass ich übergehen kann. Ich gebe keinem meiner Angehörigen, Ärzten oder Psychiatern das Recht, diese Entscheidung zu unterdrücken.“ Der persönliche Hausarzt sollte ein Kopie davon erhalten.

 

Gesetzlich solle jede Person dazu verpflichtet sein, eine solche Verfügung aufzusetzen, welche elektronisch aufbewahrt und nicht zerstört werden dürfte, und automatisch jedem Krankenhaus in der Welt zur Verfügung stände.
Was, wenn jemand sich widersetzt solch eine Verfügung aufzusetzen? Dafür sollte es eine Sicherheitslösung geben. Eine ‚Standardverfügung‘, die für jeden gilt, der diese bürgerliche Pflicht für sich nicht erfüllt hat. Ich habe nicht für alles eine Antwort, aber ich glaube nicht, dass ich hier Fragen aufwerfe, die nicht aufgeworfen werden müssen.

 

Drei übergroße Institutionen: der ärztliche Beruf, das Gesetz und die Kirche werden jegliche transformierende Veränderung anfechten und bekämpfen. Und doch hören wir alle von Veränderungen in allen diesen Berufszweigen, die einen umfassenderen Blickwinkel empfehlen, der von Empathie geführt und formiert ist. Es ist meine Hoffnung, dass alle diese Institutionen sich fortwährend weiter transformieren, und dass der medizinische Beruf durch eine sensitive und angemessene Begleitung die Verabreichung einer tödlichen Dosis in Auftrag geben wird, um das Leiden von unheilbar kranken Menschen – in Übereinstimmung mit ihrer Patientenverfügung – zu beenden.

 

***

 

Das Leben scheint irgendwie wie eine Party, in die ich reingeplatzt bin. Zuerst war ich scheu und unbeholfen, und kannte die Regeln nicht. Ich hatte Angst die falschen Dinge zu tun. Es stellte sich heraus, dass ich da war um mich zu amüsieren, und ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Ein freundliches Wesen sprach zu mir und brachte mich zum Lachen. Und ich begann zu verstehen, dass ich meine eigenen Regeln aufzusetzen und danach zu leben hätte.
Ich hatte begriffen, dass ich wissen müßte wann es Zeit ist zu gehen. Und das ist jetzt.

 

Alle Mitglieder meiner direkten Familie leben in Vancouver: Tochter, Sohn, zwei Enkeltöchter und vier Enkelsöhne. Alle wissen, dass es mir wichtig ist, ihnen nicht zur Last zu fallen, oder auch Kanada. Ich habe meine Situation mit ihnen allen besprochen. In unserer Familie ist es anerkannt, dass jeder Erwachsene das Recht hat, seine eigenen Entscheidungen zu treffen.

 

Für den Fall das irgendjemand versucht ist zu denken, ich wäre besonders mutig mich selbst rauszunehmen: Sie sollten wissen, dass ich eine große Heulsuse bin. Ich habe furchtbare Angst allein in der Dunkelheit zu sein. Ich habe Angst, dass mich irgendetwas fängt. Ich möchte nicht allein sterben. Würde meine Katze auf die Art und Weise scheitern, wie ich es tue, ich würde ihr einige Schlaftabletten in hochfeines Rindfleisch mischen, und wenn sie einschliefe sie liebend in den Garten tragen und zur Ruhe betten. Wer möchte schon gerne umringt von Fremden sterben, egal wie großartig diese einen pflegen und hegen?

 

Ich hatte einen Ehemann jenseits von Vergleichen, und Kinder und Enkelkinder, die mich auf bedeutsame Weise übertroffen haben. Seit ich sieben Jahre alt war, hatte ich wunderbare Freunde, die ich verehrte und immer noch verehre.
Das ist alles viel schwieriger als es für Jonathan sein müßte, und ich wünschte er müßte mit dem Körper seiner Frau nicht allein sein. Das kanadische Recht sieht es als Kriminalität an, wenn jemand einer anderen Person hilft, Selbstmord zu begehen. Darum wird Jonathan mir auch in keiner Weise Unterstützung leisten. Unsere Kinder, Sara und Guy, würden gerne ihrem Vater zur Seite stehen. Aber aufgrund der Gesetze, so wie sie jedoch sind, werden wir sie keiner Gefahr aussetzen.

 

Heute, jetzt, gehe ich fröhlich und so dankbar in die gute Nacht. Jonathan, der Beherzte, der Getreue, der Wahre und der Sanfte, umgibt mich mit seiner Gesellschaft. Mehr brauche ich nicht.

 

Es ist fast Mittag.

 

 


Eigene Übersetzung.
Die Originalversion dieses Artikels habe ich auf einer Webseite gefunden, die heute nicht mehr online ist. Sollte jemand eine Webseite kennen, auf die dieser Artikel referenziert werden kann, bitte ich um Nachricht.
Über Gillian Bennett’s Geschichte gibt es zahlreiche englischsprachige Artikel und Videos.

„Tod am Mittag – die Entscheidung der Gillian Bennett“

 

So endet ein herzzerreißender offener Brief, geschrieben von der 83-jährigen Anwohnerin von Bowen Island (Kanada), Gillian Bennett. Dieser wurde am Montag (18.08.2014) kurz nach ihrem Tod, online publiziert.

 

Die an Demenz Leidende, hatte das Wochenende mit der Verabschiedung von ihrem Sohn und ihrer Tochter verbracht. Als die Zeit gekommen war, zog sie eine Schaummatratze zu einem ihrer Lieblingsorte draussen, nahm einen Schluck Whisky und schluckte zwei Barbiturate.

 

Tod am Mittag Gillian Bennett

1930 – 18.08.2014


 

 

Ich werde mir heute gegen Mittag das Leben nehmen. Es ist Zeit. Die Demenz fordert ihren Tribut, und ich habe fast mein Selbst verloren. Ich habe fast mich verloren. Jonathan, der geradlinigste und klügste aller Männer, wird an meiner Seite weilen als liebender Zeuge.

 

Ich wußte seit drei Jahren, dass ich Demenz habe – ein fortschreitender Verlust von Gedächtnis und Urteilsvermögen.

Es ist eine schleichende, unbeugsame und ach-so verläßliche Krankheit. Ich hätte es präferiert irgendein exotisches Gebrechen zu haben, eines dessen Namen einem nur schwer über die Lippen kommt. Aber nein, was ich habe ist vollkommen typisch. Ich finde es ist ein langweiliges Gebrechen. Und abgesehen von der Süsse und Höflichkeit meiner Familie, bin ich klar genug zu erkennen, dass auch sie es langweilig finden. Es ist so gemein für meinen Mann, Jonathan. Und obwohl ich nicht denke, dass meine geliebte Katze es bemerkt hat, bin ich mir doch nicht sicher darüber.

 

Demenz gibt kein Pardon und erlaubt kein Feilschen. Die Forschung sagt, es wäre eine „stille Krankheit“; eine, die sich jahrelang oder sogar Jahrzehnte versteckt hält, bevor ihre Symptome sich zeigen. Noch recht langsam am Anfang, jetzt viel schneller, verwandle ich mich in Gemüse. Es ist schwer für mich im Kopf zu behalten, dass meine Enkeltochter in drei Tagen zu Besuch kommt und nicht heute. Die Frage „Wo bewahren wir X auf?“ (Kaffee, Milchaufschäumer, Enter-Taste auf der Tastatur, ein Buch das ich gerade lese) stelle ich ständig. Die ganze Zeit muß ich überwachen was ich sage, um nicht einem immensen Urteilsverlust anheim zu fallen.

 

Mit fortschreitender Demenz kommt eine Zeit, wenn man nicht länger kompetent genug ist, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln. Ich will mich befreien, bevor ich meine Situation überhaupt nicht mehr selbst einschätzen kann, oder selbst Maßnahmen ergreifen kann, um mein Leben zu beenden. Es könnte ebenso eine Zeit kommen, zu der ich eine Entscheidung aufgrund meines sich verschlechternden Gesundheitszustands treffen muß.

Ich mag keine Krankenhäuser – es sind unreine Orte. Jeder Arzt rät dir von ihnen fern zu bleiben, wenn du nur kannst. Ich möchte nicht fallen, ich möchte keinen Schlaganfall oder irgendeine unvorhergesehene Komplikation, die meine Entscheidung über den Haufen werfen würde, Kanada so wenig wie möglich Kosten in meinen letzten Jahren zu verursachen.

 

Verstehen Sie, dass ich nichts aufgebe indem ich Suizid begehe. Alles was ich verliere, ist eine unbestimmte Anzahl an Jahren, in der ich Gemüse in einem Krankenhausszenario bin, finanziell dem Staat zu Lasten falle, während ich überhaupt keine Idee mehr habe, wer ich eigentlich bin.

 

Jeder von uns ist einzigartig bei der Geburt und einzigartig beim Tod. Das Sterben verbinde ich mit dem letzten Abenteuer mit einem vorhersagbaren, abrupten Ende. Ich weiß wenn es an der Zeit ist zu gehen, und ich fürchte mich nicht davor.

Es gibt viele Dinge, in die wir uns hineinsteigern. Es scheint als hätten wir ein Bedürfnis danach, die Dinge richtig tun zu wollen. Sollen wir zur Party lieber eine Flasche Wein oder lieber Blumen mitbringen? Sind Jeans und meine neuen Schuhe in Ordnung, oder ist dies zu gewöhnlich? Wie finde ich eine neue Beziehung?

 

Wir sprechen NICHT viel darüber, wie wir sterben. Dem Tod ins Gesicht zu sehen, ist dennoch durchaus interessant und fesselnd und herausfordernd. Ich habe Wahlmöglichkeiten, die ich mir angesehen habe – und entweder angenommen oder verworfen habe. Ich denke ich habe die richtige Wahl für mich getroffen.

Ich habe dies mit Freunden und Verwandten besprochen. Es ist kein verbotenes Thema. Alles andere als das.

 

***

 

Jeden Tag verliere ich ein wenig von mir selbst, und es ist offensichtlich, dass ich mich in eine Richtung bewege, in die sich alle Demenzpatienten bewegen: nicht zu wissen, wer ich bin und eine Vollzeitbetreuung benötigend. Als ich diese Worte schreibe, weiß ich, dass ich, Gillian, innerhalb von sechs Monaten, oder neun Monaten oder 12 Monaten, nicht mehr hier sein werde. Was wird mit meinem Körper zu tun sein? Er wird noch physisch intakt sein, aber es wird keiner mehr darin weilen.

 

Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich habe meine Optionen geprüft:

  1. Eine Pflegebetreuung für meinen sinnlosen Körper zu haben. Dies würde finanzielle Härte für jene bedeuten, die ich zurücklasse, oder zumindest sie in scheinbar endlose Verpflichtungen hineinziehen, die die schönsten Erinnerungen an mich erodieren lassen würden.
  2. Pflegeersuchen an die Regierung – was auch immer diese ermöglichen kann. (Die Einrichtung wird von meinem Ehemann, Kindern und Enkelkindern erwarten, dass sie häufig zu Besuch kommen und ihren Dank dafür ausdrücken, wie hervorragend sich um die Gebeine gekümmert wird. Das ist schon schön, aber nicht das was ich mir für meine Familie wünsche.)
  3. Mein Leben zu beenden, indem ich adäquate Barbiturate einnehme, bevor sich mein Verstand vollends verabschiedet hat. Von einem ethischen Standpunkt aus betrachtet, scheint mir dies das Richtige zu sein.

 

Ich kann für ungefähr zehn Jahre in Krankenhäusern leben und dahinvegetieren – auf Kosten Kanada’s und dabei jährliche Kosten zwischen $50,000 und $75,000 verursachen. Und das ist nur der Anfang des Schreckens. Krankenschwestern, die sich vor einer Karriere von Bedeutung gesehen haben, finden sich fortwährend darin wieder, meine Windeln zu wechseln oder Zustandsberichte zu verfassen, die die Veränderungen einer leeren Hülle beschreiben. Es ist irrsinnig, verheerend und ungerecht.

 

Meine Familie, die alle vernünftig und lustig obendrein sind, würden mich nicht in einem Krankenhaus besuchen kommen, weil sie wissen, dass ich dies nicht wöllte.

 

***

 

Die Welt stöhnt unter dem Gewicht einer alternden Bevölkerung. Wir leben länger, und unsere Lebenserwartungen steigen weiter an. Im Jahre 2045 wird das Verhältnis von Bürgern im arbeitsfähigen Alter zu ihren älteren Familienangehörigen zunehmend erdrückend werden – fast überall auf der Welt. In Kanada und den USA wird erwartet, dass das Verhältnis ein Ausmaß von 16 Arbeitern für 10 ältere Abhängige annimmt. Da kommt ein soziales und ökonomisches Disaster auf uns zu.
Und dennoch sagen die meisten Menschen, sie möchten gern 90 oder 100 Jahre alt werden, oder sogar darüber hinaus.

 

Es gibt hier eine Vielzahl ethischer Themen:  Lebensverlängernde Maßnahmen ändern des Menschen Vorstellung, was es bedeutet ein Mensch zu sein – und nicht zum Besseren. Während wir, die Älteren, uns vielfältigen Operationen aussetzen und verblöden, während wir uns im Krankenhausbett aufhalten, werden die Schulsysteme unserer Enkelkinder – ihre schulischen, athletischen und kulturellen Möglichkeiten – ausgepresst und ausgetrocknet.

 

Das Herzstück des Problems ist mathematischer Art: Der Nachkriegs-Sozialstaat – erschaffen zu einer Zeit, in dem der Babyboom noch am Austragen war – ist gebaut auf einem Generations-Schneeballsystem. Während die Lebenserwartung zunimmt und die Geburtsraten abnehmen, invertiert sich die Bevölkerungspyramide – und in einigen Ländern läßt dies bereits die gesamte Wirtschaft umkippen.

 

***

 

Jede Person um die 50 Jahre, der oder die mental gesund ist, sollte eine Patientenverfügung aufsetzen, die umreißt wie man sterben möchte, und die die Umstände beschreibt unter welchen man nicht wiederbelebt werden möchte, etc.

Fügen Sie dem eine Aussage hinzu, wie: „Wenn ich krank bin und gebrechlich, und eine Infektion wie z.B. eine Lungenentzündung bekomme, soll kein Versuch unternommen werden, mein Leben mit Antibiotika zu retten. Betet, dass ich übergehen kann. Ich gebe keinem meiner Angehörigen, Ärzten oder Psychiatern das Recht, diese Entscheidung zu unterdrücken.“ Der persönliche Hausarzt sollte ein Kopie davon erhalten.

 

Gesetzlich solle jede Person dazu verpflichtet sein, eine solche Verfügung aufzusetzen, welche elektronisch aufbewahrt und nicht zerstört werden dürfte, und automatisch jedem Krankenhaus in der Welt zur Verfügung stände.
Was, wenn jemand sich widersetzt solch eine Verfügung aufzusetzen? Dafür sollte es eine Sicherheitslösung geben. Eine ‚Standardverfügung‘, die für jeden gilt, der diese bürgerliche Pflicht für sich nicht erfüllt hat. Ich habe nicht für alles eine Antwort, aber ich glaube nicht, dass ich hier Fragen aufwerfe, die nicht aufgeworfen werden müssen.

 

Drei übergroße Institutionen: der ärztliche Beruf, das Gesetz und die Kirche werden jegliche transformierende Veränderung anfechten und bekämpfen. Und doch hören wir alle von Veränderungen in allen diesen Berufszweigen, die einen umfassenderen Blickwinkel empfehlen, der von Empathie geführt und formiert ist. Es ist meine Hoffnung, dass alle diese Institutionen sich fortwährend weiter transformieren, und dass der medizinische Beruf durch eine sensitive und angemessene Begleitung die Verabreichung einer tödlichen Dosis in Auftrag geben wird, um das Leiden von unheilbar kranken Menschen – in Übereinstimmung mit ihrer Patientenverfügung – zu beenden.

 

***

 

Das Leben scheint irgendwie wie eine Party, in die ich reingeplatzt bin. Zuerst war ich scheu und unbeholfen, und kannte die Regeln nicht. Ich hatte Angst die falschen Dinge zu tun. Es stellte sich heraus, dass ich da war um mich zu amüsieren, und ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Ein freundliches Wesen sprach zu mir und brachte mich zum Lachen. Und ich begann zu verstehen, dass ich meine eigenen Regeln aufzusetzen und danach zu leben hätte.
Ich hatte begriffen, dass ich wissen müßte wann es Zeit ist zu gehen. Und das ist jetzt.

 

Alle Mitglieder meiner direkten Familie leben in Vancouver: Tochter, Sohn, zwei Enkeltöchter und vier Enkelsöhne. Alle wissen, dass es mir wichtig ist, ihnen nicht zur Last zu fallen, oder auch Kanada. Ich habe meine Situation mit ihnen allen besprochen. In unserer Familie ist es anerkannt, dass jeder Erwachsene das Recht hat, seine eigenen Entscheidungen zu treffen.

 

Für den Fall das irgendjemand versucht ist zu denken, ich wäre besonders mutig mich selbst rauszunehmen: Sie sollten wissen, dass ich eine große Heulsuse bin. Ich habe furchtbare Angst allein in der Dunkelheit zu sein. Ich habe Angst, dass mich irgendetwas fängt. Ich möchte nicht allein sterben. Würde meine Katze auf die Art und Weise scheitern, wie ich es tue, ich würde ihr einige Schlaftabletten in hochfeines Rindfleisch mischen, und wenn sie einschliefe sie liebend in den Garten tragen und zur Ruhe betten. Wer möchte schon gerne umringt von Fremden sterben, egal wie großartig diese einen pflegen und hegen?

 

Ich hatte einen Ehemann jenseits von Vergleichen, und Kinder und Enkelkinder, die mich auf bedeutsame Weise übertroffen haben. Seit ich sieben Jahre alt war, hatte ich wunderbare Freunde, die ich verehrte und immer noch verehre.
Das ist alles viel schwieriger als es für Jonathan sein müßte, und ich wünschte er müßte mit dem Körper seiner Frau nicht allein sein. Das kanadische Recht sieht es als Kriminalität an, wenn jemand einer anderen Person hilft, Selbstmord zu begehen. Darum wird Jonathan mir auch in keiner Weise Unterstützung leisten. Unsere Kinder, Sara und Guy, würden gerne ihrem Vater zur Seite stehen. Aber aufgrund der Gesetze, so wie sie jedoch sind, werden wir sie keiner Gefahr aussetzen.

 

Heute, jetzt, gehe ich fröhlich und so dankbar in die gute Nacht. Jonathan, der Beherzte, der Getreue, der Wahre und der Sanfte, umgibt mich mit seiner Gesellschaft. Mehr brauche ich nicht.

 

Es ist fast Mittag.

 

 


Eigene Übersetzung.
Die Originalversion dieses Artikels habe ich auf einer Webseite gefunden, die heute nicht mehr online ist. Sollte jemand eine Webseite kennen, auf die dieser Artikel referenziert werden kann, bitte ich um Nachricht.
Über Gillian Bennett’s Geschichte gibt es zahlreiche englischsprachige Artikel und Videos.

Pin It on Pinterest

Share This