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Identität ist kein starres Konzept.
Das war es noch nie.

 

Jeder von uns hat viele Identitäten.
Wir sind Sohn oder Tochter. Bruder, Schwester oder Einzelkind.
Wir sind Mitschüler oder Kommilitone, Arbeitskollege oder Nachbar.
Wir sind Weiße oder Dunkelhäutige, Blonde oder Brünette.
Wir sind homo, hetero, bi, trans, pan oder wie auch immer sexuell orientiert.
Unsere religiöse Identität bestimmt, ob wir den Herrn alles Lebens als Gott, Allah, Krishna, Buddha oder auch anders bezeichnen.

 

Es sind alles Konstrukte. Und auch wenn einige das nicht sehen mögen: diese Konstrukte sind viel fliessender als wir es uns das manchmal vorstellen können.

 

Identitäten ändern sich. Interne Veränderungsprozesse finden statt – in jedem Einzelnen von uns. Und diese Veränderungsprozesse prüfen unsere Konzepte. Und stellen sie manchmal auf den Kopf. Meistens ist das unbequem, und oft sogar schmerzhaft.

 

Es gibt Menschen, die tun sich schwer damit anzuerkennen, daß Starrheit und Enge uns an Lebendigkeit kosten. Sie berauben uns an möglichen Erfahrungen und Horizonterweiterungen.
Sie lassen uns zusammengezogen vor uns hinmumbeln, uns unsere vertrauten Konzepte wiederkauend, weil sie nur vermeintlichen Schutz vor der Veränderung geben.

 

Die Schnelligkeit, mit der die Veränderung in diesen Zeiten unterwegs ist, kann man durchaus als beängstigend bezeichnen. Das Tempo dieser Veränderungsprozesse überfordert auch. Viele von uns. Nachvollziehbar, daß sich mancher dann lieber zurückziehen will, sich einigeln, sich abkapseln. Als kurzfristige Strategie taugt das schon. Auch bei mir manchmal. Aber langfristig, müssen wir uns damit auseinandersetzen. Einfach stehen bleiben gilt nicht.

 

Warum wohl hat sich in den letzten 10, 20 Jahren die LGBT-Gemeinschaft so stark entwickelt?
Die Sexualität ist der Teil unserer Identität, dem die vielleicht größte Kraft innewohnt. Sie ist ein Teil unseres Wesens. Jeder hat sie, wir sind sexuelle Wesen. Unsere kreative Kraft schöpft sich aus der Sexualität. Diese zu unterdrücken, zu manipulieren oder zu negieren, hat gravierende Auswirkungen auf unsere persönliche Lebenserfahrung.

 

Vielleicht ist es deshalb diese Teilidentität, die gesellschaftlich bisher die größten Veränderungsprozesse durchgemacht hat.

 

Was ist die nächste Teilidentität, die nachzieht?

 

Wenn es nach mir ginge, die nationale.

 

Diese gesellschaftliche Denknorm “Ich bin Deutscher”, “Ich bin Amerikaner”, “Ich bin …”, ist ein Konzept, daß mir wenig substantiell erscheint. Es taugt einfach nicht als Basis für eine Identität, weil diese mit dem Tod obsolet wird.

 

Viele von uns wissen, daß wir Reisende in Raum und Zeit sind. Wir inkarnieren immer wieder. Wir haben einen Körper. Aber wir sind nicht unser Körper.

 

Das zu denken ist ein Denkfehler.
Natürlich läßt uns das System in dem wir leben, in dem Glauben, daß es so ist.
Es hat ja auch etwas davon, wenn wir auf diese Weise manipulierbar sind.

 

Aber jeder, der schon mal ein Baby hat heranwachsen sehen, weiß, daß jedes kleine Wesen schon mit einer fertigen Persönlichkeit auf die Welt kommt. Jedes hat besondere Talente, die oft auch schon sehr früh zum Vorschein kommen.
Kleine Goldkehlchen, Ballvirtuosen, Jongleure mit Zahlen oder Zauberer mit Stift und Pinsel … wie kann es sonst sein, daß kleine Kinder solche Begabungen haben, die mit nichts zu erklären sind?

 

Ein DEUTSCHER Maler. Ein DEUTSCHER Fußballer. Ein DEUTSCHER Mathematiker.

 

Ein Attribut, welches sich auf die Landesgrenzen bezieht, aber auf die Person bezogen so einengend ist!
Nationen unterscheiden sich durch ihre gesellschaftlichen Normen. Etwas, daß in uns zementiert wird, wenn wir in der nationalen Gemeinschaft aufwachsen. Wir werden “geeicht” sozusagen, die Dinge aus der nationalen Perspektive zu sehen, sie als Status Quo hinzunehmen. Sie zu akzeptieren und sich daran zu halten – wenn man keine Probleme bekommen will.

 

Aber die Zeit, in der man das eigene Land mal für länger verläßt und sich auf eine andere Kultur einläßt, bricht solche inneren Grenzen ziemlich schnell auf. Man spricht nicht von ungefähr von “Kulturschock”, weil es die eigenen Säulen des 3D-Seins so erschüttert. Hat man diesen Schock überwunden, erweitert sich der Identitätsbegriff auf subtile Art und Weise. Die Grenzen sind nicht mehr so starr, so unerschütterlich, so unnachgiebig. Glücklich ist, wer darüber lachen kann.

 

Wenig zum Lachen ist hingegen der “Umgekehrte Kulturschock”. Der kommt manchmal, wenn man für ziemlich lange Zeit fernab des eigenen Landes gelebt hat, und dann das erste Mal wieder heimatlichen Boden betritt. Es ist grauenhaft. Plötzlich sieht man, was man vorher nicht sehen konnte – und das oftmals sehr kritisch.
Für mich war das ein Schlüsselmoment im Aufbrechen meiner nationalen Identität. Ich habe damals verstanden, daß das Konzept der nationalen Identität totaler Quatsch ist. Wir machen uns einfach was vor, wenn wir glaubten, wir müßten mit Mann und Maus verteidigen, was in unserer nächsten Inkarnation wahrscheinlich sowieso wieder ganz anders ist.

 

Für die Zukunft des Planeten und der Menschheit wäre es wirklich hilfreich, wir würden uns aus dieser infantilen Abgrenzungshaltung herausbewegen.
Die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, lassen sich auf nationaler Ebene nicht mehr bewältigen.
Sich abzuschotten, bewältigt die Probleme auch nicht.
Sich zu berufen auf nationale Privilegien, ist das Dümmste, was wir machen könnten.

 

Wettbewerb war das Thema der letzten hundert Jahre.
Jetzt muss es um Kooperation gehen, und dafür müssen wir das Verständnis unserer nationalen Identitäten aktualisieren.

 

 

Ich habe mir letztens eine Diskussion zwischen Kevin Kühnert und Paul Ziemiak angehört.

Ziemiak versuchte dort den nationalen Identitätsbegriff des Deutschen Volkes damit zu legitimieren, daß man beim Begehren der deutschen Staatsangehörigkeit wegen keiner Straftat verurteilt worden sein darf.

 

Die Argumentation erfolgte natürlich vor der Hintergrund des aktuellen Migrationsaufkommens in Deutschland. Aber ganz offensichtlich vermengt Ziemiak hier zwei verschiedene Sachverhalte. Nämlich die nationale Identität mit unfehlbarem Verhalten.
Was, bitte schön, ist mit all den “geborenen” Deutschen, die wegen einer Straftat verurteilt worden sind? Bekommen die jetzt automatisch ein Problem wegen ihrer nationalen Identität?
Ich habe noch nie davon gehört, daß einem Mörder, einem Sexualstraftäter, einem Dieb, als Strafmaß der deutsche Paß abgenommen worden wäre.

 

Ist die Identität der Deutschen nur auf die Gutmenschen mit weißer Weste beschränkt? Ist Deutschland ein Klub der Unfehlbaren? Der Perfekten?

 

Wir alle kennen die Antwort.
Natürlich nicht.

 

Ziemiak instrumentalisiert die nationale Identitätsfrage in der Streitfrage der Integration von Fremdländern.
Es ist ein Thema, ohne Frage.
Aber mit halsstarrigem Nationalitätsbewußtsein läßt sich hier nicht viel bewegen.

 

Deutlich mehr Übereinstimmung fand ich in Kevin Kühnert’s Position, welcher in die Diskussion den Punkt einbrachte, daß eine Gesellschaft heute aus den Menschen besteht, die hier leben, hier arbeiten, hier zur Schule gehen. Kühnert’s Umriß hatte eine gewisse Fluidität, die deutlich wertschätzender, deutlich menschenfreundlicher war.

 

Die Thematik, Menschen mit bestimmtem sozio-kulturellen Hintergrund aus der Gesellschaft auszugrenzen, gibt es schon ewig. Nicht erst seit die Flüchtlingsströme sich über Europa ergossen.
Und diese Thematik ist nicht lustig, nicht für die, die sich ständigen Ressentiments und Diskriminierungen ausgesetzt sehen. Körperliche Merkmale, die nicht mit denen der “Einheimischen” übereinstimmen als Grundlage dafür zu nehmen, daß man sie nicht als Nachbar haben will, nicht als Arbeitskollegen oder im Sportverein, sind die Hinterbleibsel von Rassismus, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht.

 

Warum denken eigentlich nicht alle Deutschen so, wie Hr. Ziemiak?
Um ihn als Beispiel zu nehmen … wenn seine Haltung nicht deren aller Deutschen entspricht, wie kann man das dann pauschal als Frage der Nationalität hinstellen?

 

Kann es sein, daß die nationale Identität weit weniger Verbundenheit auslöst, als wir es ihr andichten wollen? Und womit wir ihre Bedeutung zu zementieren versuchen?

 

Und wie steht es mit den Wertvorstellungen unserer nationalen Identität? Sind gleiche oder ähnliche Wertvorstellungen für uns heute wichtiger als das Konstrukt historisch gewachsener Staatsgrenzen?

 

Die Ansichten hierüber sind alles andere als zementiert. Sie fühlen sich eher fluid an, sind am sich Bewegen, im Wachsen.
Es ist eine Bewegung gekommen in eine Facette der Identität, die zumindest für die schwierig wird zuzulassen, die Probleme damit haben andere Kulturen als genauso legitim anzusehen, wie die eigene.

 

Man könnte Nationen durchaus als Persönlichkeitsgruppen zusammenfassen. Denn nationale Kultur und Identität ist primär ein Erziehungsprozeß.
Es gibt nicht so etwas wie “die” nationale Identität des Deutschen. Es gibt viele verschiedene Facetten davon, die unterschiedlich ausgeprägt sind.

 

Vielleicht müssen wir es als Teil dieses rasanten Veränderungsprozesses einfach akzeptieren, daß unsere Gesellschaften heute heterogener sind als sie es noch vor 50 Jahren gewesen sind.
Und aus dieser Tatsache die Schlußfolgerung ziehen, daß das was wir denken zu sein, weit weniger in Stein gemeißelt ist, als uns manche noch immer weis zu machen versuchen.

 

Der Kaffee ist kalt geworden.
Nationale Identitäten sind heute genau wie kulturelle, religiöse oder sexuelle Identitäten Teil einer großen Transformation.
Und die Wahrheit ist: wir können uns dem einfach nicht entziehen.
Wir können uns zwar stur verhalten und rechtfertigende Phrasen mantra-artig wiederholen in der lauen Erwartung, daß jemand unsere gesprungene Schallplatte nicht als solche erkennt.

 

Aber hallo, wie wäre es damit:
Es gibt etwas, das immer gleich bleibt. Aber es ist nicht die nationale Identität.
Es ist die Veränderung.

 

Es wird immer Veränderung geben. Und viele in meiner Generation und noch viele mehr der jüngeren Generation sehnen sich nach genau dem. Wir haben verstanden, daß wir uns dieser Kraft nicht entziehen können. Sie ist ein Teil des Zeitgeistes.

 

Nationale Identitäten sind nicht mehr wichtig in einer Zeit, in der wir um das Überleben des Planeten ringen.
Millionen Menschen in allen Ländern der Erde widmen heute ihren Lebensinhalt der Verbesserung der Lebensbedingungen. Hier und jetzt und für das Morgen und Übermorgen.
Sie haben genug von den immer gleichen Konflikten, Machtspielen, Schuldzuweisungen, Versagen und Korruption. Menschen mit gleichen Wertvorstellungen überwinden persönliche Barrieren – wie z.B. Vorurteile und Stereotypen aufgrund nationaler Prägungen – für ein größeres Ziel.

 

Ich habe nur ein sehr mildes Verständnis dafür, daß das nationale Identitätskonstrukt reflexartig zur Anmahnung gewachsener Territorialwerte verwandt wird. Aber anstatt die Regeln und Pflichten an unsere Kirchentüren zu pinnen, könnten wir uns ja vielleicht auch dafür erwärmen, neue Kommunikationswege mit unseren neuen Mitbewohnern zu suchen und zu öffnen?

 

Warum wir? Wir, die wir hier schon länger leben und ältere Rechte haben?

Das Recht des länger Anwesenden, der dann auch bestimmen darf was zu Fehl und Tadel führt, halte ich bis zu einem gewissen Maße für legitim.

Gäste sind Gäste sind Gäste.

Und Gastfreundschaft und anständiges Verhalten von Gästen kennt und wertschätzt man in jeder Kultur, wobei man besser nicht davon ausgehen sollte, daß sich dieses überall bis ins Detail gleicht.

 

Das Einhalten nationaler Standards und sozialer Umgangsformen, wie es Ziemiak propagiert, hat in meinen Augen jedoch weniger mit einem Identitätsaspekt zu tun, als vielmehr mit der Einstellung zum Respekt.

 

Es gibt durchaus Werte, die uns als Kultur, als Gesellschaft verbinden. Darum haben wir in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten gerungen – als Gemeinschaft. Das Fehlen solcher Werte bei Sprösslingen anderer Kulturen auf die andere Religion zu schieben, ist zu einfach. Vielleicht erklärt es manches, aber trotzdem scheint es mir als wären dies tiefhängende Früchte.

 

Nationale Identität ist einfach kein Maßstab dafür, wie rechtschaffen ein Mitglied der Gemeinschaft ist.
Nationale Identität sagt etwas aus über das verhaftet sein zu einem Territorium. Es sagt etwas aus über Macht und Ohnmacht. Machtansprüche und Ohnmachtsgefühle von wahrgenommener Überfremdung.
Nationale Identität gerät zunehmend unter Druck. Einfach, weil die weltweiten Entwicklungen und Begebenheiten zu Veränderungen führen, die die nationale Identität zwangsläufig unter Druck setzt.

 

Diejenigen, die sich dem zu entziehen versuchen, sich hahnebüchene Argumente zurechtlegen und sie tausend mal wiederholen in der Erwartung sie damit zur universellen Wahrheit erklärt zu haben, werden eines morgens aufwachen und feststellen, daß sie nicht mehr von dieser Welt sind.

 

Der Zug ist abgefahren.
Und sie haben ihn verpasst. Sie haben den letzten Moment verpasst, doch noch auf diesen aufzuspringen.

 

Aber vielleicht kriegen diese dann noch mal eine Chance. Das Universum ist gütig.
Vielleicht inkarnieren diese dann in einem Land, welches von Bürgerkriegen, Naturkatastrophen und struktureller Perspektivlosigkeit zerrissen ist. Dann werden sie erfahren, was es heißt, ohne gesellschaftliche Privilegien auszukommen. Dann werden sie eventuell auch erfahren, wie es ist, in eine Kultur zu migrieren, der das Anderssein, das andere Aussehen solches Übel verursacht, daß sie jegliches Mitgefühl mit DENEN beim morgendlichen Zähneputzen ausspuckt.

 

Aber vielleicht, haben wir es als Menschheit ja bis dahin auch geschafft, daß wir ein globales Verantwortungsbewußtsein entwickelt haben, und verstanden haben, daß Migration schon immer ein Teil des Lebens gewesen ist und durchaus auch eine Bereicherung sein kann. Und es die eigentliche Frage ist, wie man damit umgeht – und nicht, wie man die Zeit zurückdrehen kann.

 

Man kann es für sie nur hoffen, daß ein wenig Gnade in der Auflösung dieses, ihres, Karmas mit dabei sein möge. Weil die Erkenntnisse, die hinter diesen Erfahrungen lauern, werden sich über den Schmerz den Weg in ihr Bewußtsein bahnen.

 

Aber wer wünscht jemandem schon so was? Ich nicht.

 

Identität ist kein starres Konzept.
Das war es noch nie.

 

Jeder von uns hat viele Identitäten.
Wir sind Sohn oder Tochter. Bruder, Schwester oder Einzelkind.
Wir sind Mitschüler oder Kommilitone, Arbeitskollege oder Nachbar.
Wir sind Weiße oder Dunkelhäutige, Blonde oder Brünette.
Wir sind homo, hetero, bi, trans, pan oder wie auch immer sexuell orientiert.
Unsere religiöse Identität bestimmt, ob wir den Herrn alles Lebens als Gott, Allah, Krishna, Buddha oder auch anders bezeichnen.

 

Es sind alles Konstrukte. Und auch wenn einige das nicht sehen mögen: diese Konstrukte sind viel fliessender als wir es uns das manchmal vorstellen können.

 

Identitäten ändern sich. Interne Veränderungsprozesse finden statt – in jedem Einzelnen von uns. Und diese Veränderungsprozesse prüfen unsere Konzepte. Und stellen sie manchmal auf den Kopf. Meistens ist das unbequem, und oft sogar schmerzhaft.

 

Es gibt Menschen, die tun sich schwer damit anzuerkennen, daß Starrheit und Enge uns an Lebendigkeit kosten. Sie berauben uns an möglichen Erfahrungen und Horizonterweiterungen.
Sie lassen uns zusammengezogen vor uns hinmumbeln, uns unsere vertrauten Konzepte wiederkauend, weil sie nur vermeintlichen Schutz vor der Veränderung geben.

 

Die Schnelligkeit, mit der die Veränderung in diesen Zeiten unterwegs ist, kann man durchaus als beängstigend bezeichnen. Das Tempo dieser Veränderungsprozesse überfordert auch. Viele von uns. Nachvollziehbar, daß sich mancher dann lieber zurückziehen will, sich einigeln, sich abkapseln. Als kurzfristige Strategie taugt das schon. Auch bei mir manchmal. Aber langfristig, müssen wir uns damit auseinandersetzen. Einfach stehen bleiben gilt nicht.

 

Warum wohl hat sich in den letzten 10, 20 Jahren die LGBT-Gemeinschaft so stark entwickelt?
Die Sexualität ist der Teil unserer Identität, dem die vielleicht größte Kraft innewohnt. Sie ist ein Teil unseres Wesens. Jeder hat sie, wir sind sexuelle Wesen. Unsere kreative Kraft schöpft sich aus der Sexualität. Diese zu unterdrücken, zu manipulieren oder zu negieren, hat gravierende Auswirkungen auf unsere persönliche Lebenserfahrung.

 

Vielleicht ist es deshalb diese Teilidentität, die gesellschaftlich bisher die größten Veränderungsprozesse durchgemacht hat.

 

Was ist die nächste Teilidentität, die nachzieht?

 

Wenn es nach mir ginge, die nationale.

 

Diese gesellschaftliche Denknorm “Ich bin Deutscher”, “Ich bin Amerikaner”, “Ich bin …”, ist ein Konzept, daß mir wenig substantiell erscheint. Es taugt einfach nicht als Basis für eine Identität, weil diese mit dem Tod obsolet wird.

 

Viele von uns wissen, daß wir Reisende in Raum und Zeit sind. Wir inkarnieren immer wieder. Wir haben einen Körper. Aber wir sind nicht unser Körper.

 

Das zu denken ist ein Denkfehler.
Natürlich läßt uns das System in dem wir leben, in dem Glauben, daß es so ist.
Es hat ja auch etwas davon, wenn wir auf diese Weise manipulierbar sind.

 

Aber jeder, der schon mal ein Baby hat heranwachsen sehen, weiß, daß jedes kleine Wesen schon mit einer fertigen Persönlichkeit auf die Welt kommt. Jedes hat besondere Talente, die oft auch schon sehr früh zum Vorschein kommen.
Kleine Goldkehlchen, Ballvirtuosen, Jongleure mit Zahlen oder Zauberer mit Stift und Pinsel … wie kann es sonst sein, daß kleine Kinder solche Begabungen haben, die mit nichts zu erklären sind?

 

Ein DEUTSCHER Maler. Ein DEUTSCHER Fußballer. Ein DEUTSCHER Mathematiker.

 

Ein Attribut, welches sich auf die Landesgrenzen bezieht, aber auf die Person bezogen so einengend ist!
Nationen unterscheiden sich durch ihre gesellschaftlichen Normen. Etwas, daß in uns zementiert wird, wenn wir in der nationalen Gemeinschaft aufwachsen. Wir werden “geeicht” sozusagen, die Dinge aus der nationalen Perspektive zu sehen, sie als Status Quo hinzunehmen. Sie zu akzeptieren und sich daran zu halten – wenn man keine Probleme bekommen will.

 

Aber die Zeit, in der man das eigene Land mal für länger verläßt und sich auf eine andere Kultur einläßt, bricht solche inneren Grenzen ziemlich schnell auf. Man spricht nicht von ungefähr von “Kulturschock”, weil es die eigenen Säulen des 3D-Seins so erschüttert. Hat man diesen Schock überwunden, erweitert sich der Identitätsbegriff auf subtile Art und Weise. Die Grenzen sind nicht mehr so starr, so unerschütterlich, so unnachgiebig. Glücklich ist, wer darüber lachen kann.

 

Wenig zum Lachen ist hingegen der “Umgekehrte Kulturschock”. Der kommt manchmal, wenn man für ziemlich lange Zeit fernab des eigenen Landes gelebt hat, und dann das erste Mal wieder heimatlichen Boden betritt. Es ist grauenhaft. Plötzlich sieht man, was man vorher nicht sehen konnte – und das oftmals sehr kritisch.
Für mich war das ein Schlüsselmoment im Aufbrechen meiner nationalen Identität. Ich habe damals verstanden, daß das Konzept der nationalen Identität totaler Quatsch ist. Wir machen uns einfach was vor, wenn wir glaubten, wir müßten mit Mann und Maus verteidigen, was in unserer nächsten Inkarnation wahrscheinlich sowieso wieder ganz anders ist.

 

Für die Zukunft des Planeten und der Menschheit wäre es wirklich hilfreich, wir würden uns aus dieser infantilen Abgrenzungshaltung herausbewegen.
Die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, lassen sich auf nationaler Ebene nicht mehr bewältigen.
Sich abzuschotten, bewältigt die Probleme auch nicht.
Sich zu berufen auf nationale Privilegien, ist das Dümmste, was wir machen könnten.

 

Wettbewerb war das Thema der letzten hundert Jahre.
Jetzt muss es um Kooperation gehen, und dafür müssen wir das Verständnis unserer nationalen Identitäten aktualisieren.

 

 

Ich habe mir letztens eine Diskussion zwischen Kevin Kühnert und Paul Ziemiak angehört.

Ziemiak versuchte dort den nationalen Identitätsbegriff des Deutschen Volkes damit zu legitimieren, daß man beim Begehren der deutschen Staatsangehörigkeit wegen keiner Straftat verurteilt worden sein darf.

 

Die Argumentation erfolgte natürlich vor der Hintergrund des aktuellen Migrationsaufkommens in Deutschland. Aber ganz offensichtlich vermengt Ziemiak hier zwei verschiedene Sachverhalte. Nämlich die nationale Identität mit unfehlbarem Verhalten.
Was, bitte schön, ist mit all den “geborenen” Deutschen, die wegen einer Straftat verurteilt worden sind? Bekommen die jetzt automatisch ein Problem wegen ihrer nationalen Identität?
Ich habe noch nie davon gehört, daß einem Mörder, einem Sexualstraftäter, einem Dieb, als Strafmaß der deutsche Paß abgenommen worden wäre.

 

Ist die Identität der Deutschen nur auf die Gutmenschen mit weißer Weste beschränkt? Ist Deutschland ein Klub der Unfehlbaren? Der Perfekten?

 

Wir alle kennen die Antwort.
Natürlich nicht.

 

Ziemiak instrumentalisiert die nationale Identitätsfrage in der Streitfrage der Integration von Fremdländern.
Es ist ein Thema, ohne Frage.
Aber mit halsstarrigem Nationalitätsbewußtsein läßt sich hier nicht viel bewegen.

 

Deutlich mehr Übereinstimmung fand ich in Kevin Kühnert’s Position, welcher in die Diskussion den Punkt einbrachte, daß eine Gesellschaft heute aus den Menschen besteht, die hier leben, hier arbeiten, hier zur Schule gehen. Kühnert’s Umriß hatte eine gewisse Fluidität, die deutlich wertschätzender, deutlich menschenfreundlicher war.

 

Die Thematik, Menschen mit bestimmtem sozio-kulturellen Hintergrund aus der Gesellschaft auszugrenzen, gibt es schon ewig. Nicht erst seit die Flüchtlingsströme sich über Europa ergossen.
Und diese Thematik ist nicht lustig, nicht für die, die sich ständigen Ressentiments und Diskriminierungen ausgesetzt sehen. Körperliche Merkmale, die nicht mit denen der “Einheimischen” übereinstimmen als Grundlage dafür zu nehmen, daß man sie nicht als Nachbar haben will, nicht als Arbeitskollegen oder im Sportverein, sind die Hinterbleibsel von Rassismus, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht.

 

Warum denken eigentlich nicht alle Deutschen so, wie Hr. Ziemiak?
Um ihn als Beispiel zu nehmen … wenn seine Haltung nicht deren aller Deutschen entspricht, wie kann man das dann pauschal als Frage der Nationalität hinstellen?

 

Kann es sein, daß die nationale Identität weit weniger Verbundenheit auslöst, als wir es ihr andichten wollen? Und womit wir ihre Bedeutung zu zementieren versuchen?

 

Und wie steht es mit den Wertvorstellungen unserer nationalen Identität? Sind gleiche oder ähnliche Wertvorstellungen für uns heute wichtiger als das Konstrukt historisch gewachsener Staatsgrenzen?

 

Die Ansichten hierüber sind alles andere als zementiert. Sie fühlen sich eher fluid an, sind am sich Bewegen, im Wachsen.
Es ist eine Bewegung gekommen in eine Facette der Identität, die zumindest für die schwierig wird zuzulassen, die Probleme damit haben andere Kulturen als genauso legitim anzusehen, wie die eigene.

 

Man könnte Nationen durchaus als Persönlichkeitsgruppen zusammenfassen. Denn nationale Kultur und Identität ist primär ein Erziehungsprozeß.
Es gibt nicht so etwas wie “die” nationale Identität des Deutschen. Es gibt viele verschiedene Facetten davon, die unterschiedlich ausgeprägt sind.

 

Vielleicht müssen wir es als Teil dieses rasanten Veränderungsprozesses einfach akzeptieren, daß unsere Gesellschaften heute heterogener sind als sie es noch vor 50 Jahren gewesen sind.
Und aus dieser Tatsache die Schlußfolgerung ziehen, daß das was wir denken zu sein, weit weniger in Stein gemeißelt ist, als uns manche noch immer weis zu machen versuchen.

 

Der Kaffee ist kalt geworden.
Nationale Identitäten sind heute genau wie kulturelle, religiöse oder sexuelle Identitäten Teil einer großen Transformation.
Und die Wahrheit ist: wir können uns dem einfach nicht entziehen.
Wir können uns zwar stur verhalten und rechtfertigende Phrasen mantra-artig wiederholen in der lauen Erwartung, daß jemand unsere gesprungene Schallplatte nicht als solche erkennt.

 

Aber hallo, wie wäre es damit:
Es gibt etwas, das immer gleich bleibt. Aber es ist nicht die nationale Identität.
Es ist die Veränderung.

 

Es wird immer Veränderung geben. Und viele in meiner Generation und noch viele mehr der jüngeren Generation sehnen sich nach genau dem. Wir haben verstanden, daß wir uns dieser Kraft nicht entziehen können. Sie ist ein Teil des Zeitgeistes.

 

Nationale Identitäten sind nicht mehr wichtig in einer Zeit, in der wir um das Überleben des Planeten ringen.
Millionen Menschen in allen Ländern der Erde widmen heute ihren Lebensinhalt der Verbesserung der Lebensbedingungen. Hier und jetzt und für das Morgen und Übermorgen.
Sie haben genug von den immer gleichen Konflikten, Machtspielen, Schuldzuweisungen, Versagen und Korruption. Menschen mit gleichen Wertvorstellungen überwinden persönliche Barrieren – wie z.B. Vorurteile und Stereotypen aufgrund nationaler Prägungen – für ein größeres Ziel.

 

Ich habe nur ein sehr mildes Verständnis dafür, daß das nationale Identitätskonstrukt reflexartig zur Anmahnung gewachsener Territorialwerte verwandt wird. Aber anstatt die Regeln und Pflichten an unsere Kirchentüren zu pinnen, könnten wir uns ja vielleicht auch dafür erwärmen, neue Kommunikationswege mit unseren neuen Mitbewohnern zu suchen und zu öffnen?

 

Warum wir? Wir, die wir hier schon länger leben und ältere Rechte haben?

Das Recht des länger Anwesenden, der dann auch bestimmen darf was zu Fehl und Tadel führt, halte ich bis zu einem gewissen Maße für legitim.

Gäste sind Gäste sind Gäste.

Und Gastfreundschaft und anständiges Verhalten von Gästen kennt und wertschätzt man in jeder Kultur, wobei man besser nicht davon ausgehen sollte, daß sich dieses überall bis ins Detail gleicht.

 

Das Einhalten nationaler Standards und sozialer Umgangsformen, wie es Ziemiak propagiert, hat in meinen Augen jedoch weniger mit einem Identitätsaspekt zu tun, als vielmehr mit der Einstellung zum Respekt.

 

Es gibt durchaus Werte, die uns als Kultur, als Gesellschaft verbinden. Darum haben wir in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten gerungen – als Gemeinschaft. Das Fehlen solcher Werte bei Sprösslingen anderer Kulturen auf die andere Religion zu schieben, ist zu einfach. Vielleicht erklärt es manches, aber trotzdem scheint es mir als wären dies tiefhängende Früchte.

 

Nationale Identität ist einfach kein Maßstab dafür, wie rechtschaffen ein Mitglied der Gemeinschaft ist.
Nationale Identität sagt etwas aus über das verhaftet sein zu einem Territorium. Es sagt etwas aus über Macht und Ohnmacht. Machtansprüche und Ohnmachtsgefühle von wahrgenommener Überfremdung.
Nationale Identität gerät zunehmend unter Druck. Einfach, weil die weltweiten Entwicklungen und Begebenheiten zu Veränderungen führen, die die nationale Identität zwangsläufig unter Druck setzt.

 

Diejenigen, die sich dem zu entziehen versuchen, sich hahnebüchene Argumente zurechtlegen und sie tausend mal wiederholen in der Erwartung sie damit zur universellen Wahrheit erklärt zu haben, werden eines morgens aufwachen und feststellen, daß sie nicht mehr von dieser Welt sind.

 

Der Zug ist abgefahren.
Und sie haben ihn verpasst. Sie haben den letzten Moment verpasst, doch noch auf diesen aufzuspringen.

 

Aber vielleicht kriegen diese dann noch mal eine Chance. Das Universum ist gütig.
Vielleicht inkarnieren diese dann in einem Land, welches von Bürgerkriegen, Naturkatastrophen und struktureller Perspektivlosigkeit zerrissen ist. Dann werden sie erfahren, was es heißt, ohne gesellschaftliche Privilegien auszukommen. Dann werden sie eventuell auch erfahren, wie es ist, in eine Kultur zu migrieren, der das Anderssein, das andere Aussehen solches Übel verursacht, daß sie jegliches Mitgefühl mit DENEN beim morgendlichen Zähneputzen ausspuckt.

 

Aber vielleicht, haben wir es als Menschheit ja bis dahin auch geschafft, daß wir ein globales Verantwortungsbewußtsein entwickelt haben, und verstanden haben, daß Migration schon immer ein Teil des Lebens gewesen ist und durchaus auch eine Bereicherung sein kann. Und es die eigentliche Frage ist, wie man damit umgeht – und nicht, wie man die Zeit zurückdrehen kann.

 

Man kann es für sie nur hoffen, daß ein wenig Gnade in der Auflösung dieses, ihres, Karmas mit dabei sein möge. Weil die Erkenntnisse, die hinter diesen Erfahrungen lauern, werden sich über den Schmerz den Weg in ihr Bewußtsein bahnen.

 

Aber wer wünscht jemandem schon so was? Ich nicht.

 

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