Select Page

Meine Mutter sagte letztens zu mir und über mich: “Du bist jemand, den alles interessiert.”

 

Und das stimmte. Es gibt fast nichts, dass mich nicht interessiert. So ad hoc, könnte ich jetzt rauspusten, mich tangiert peripher wie ein Motor funktioniert. Das interessiert mich einfach nicht und ich hab keinen Bedarf das zu studieren.

Aber wenn es um gesellschaftliche, soziale, psychologische Themen geht … kann man mit mir über alles reden.

 

Immer mal wieder bin ich in den letzten Jahren über Artikel gestossen, in denen jemand über das oft widersprüchliche Verhältnis zu seinen Grosseltern geschrieben hat. Es sind Leute so in meinem Alter, die Weltkriegsenkel-Generation, die sich auf die Suche nach einer anderen Perspektive ihrer Familiengeschichte machen. Es sind die Weltkriegsenkel, die Fragen stellen, die bisher noch nicht gestellt wurden und sich darum bemühen, die gordischen Knoten ihrer Familiendramen zu lösen.

 

Heute stiess ich wieder auf solch einen Artikel. Er handelte davon, dass dieser Enkel die NS-Vergangenheit seines Grossvaters aufgedeckt hatte. Bis in die Details hat er sich eingegraben in dieses komplizierte Geflecht aus Entsetzen, Gewalt, Schuld und Schande. Es war nicht selbstanklagend geschrieben. Er schrieb so etwas wie, “dass sein Blut durch meine Adern fliesst ist nicht schön…”. Ich spürte sein Befremdet sein über die unverleugbar grausamen Taten seines Grossvaters. Aber ich spürte auch seine Akzeptanz über diese, seine Verbindung zu ihm.

Und während ich diesen gut geschriebenen Artikel las, dachte ich an meinen Grossvater und das Rätsel, dass ich nicht zu lösen vermochte.

 

Der Vater meiner Mutter war mir immer ein Fremder geblieben. Er hat sich für mich wenig interessiert – aus welchen Gründen auch immer.

Ich arbeite bereits seit einigen Jahren die traumatischen Nachwirkungen meiner Familienkonstellation auf. Die Muster, mit denen meine Mutter ins Leben geschickt wurde und die mir selbst in jungen Jahren das Leben zur Hölle gemacht hatten, schrieen danach aufgelöst und geheilt zu werden.

Und immer wieder war ich in dieser Reise bei meinem Grossvater, ihrem Vater, gelandet. Das Wesen, von dem ich nichts zu wissen schien. Ausser, dass er in seiner Jugend Ringer war und zu Lebzeiten ein Kurzwarengeschäft inne hatte.

Er starb, da war ich in der zweiten oder dritten Klasse. Eigentlich alt genug, um eine Handvoll an Erinnerungen an einen Menschen zu haben. Aber ich hatte derer nur zwei. Die eine war mehr oder weniger dünn in ihrem Erkenntnisgehalt. Die andere nicht, warf aber dafür einige Fragen auf, warum dieser Mensch so war wie er war.

Deutlicher sind mir dann schon einige Erzählungen meines Bruders im Kopf.

Unangefochten und ganz oben in der Entsetzen-Skala die Episode mit meinem Cousin Torsten, dem er als 5-Jährigem beim Abendessen mit dem Messer auf die Finger gehauen hatte und gesagt hatte: “Wir erziehen keine Fresser!”

 

Es gab noch mehr solcher Episoden, aber irgendwie scheine ich die ganze Zeit die Einzige zu sein, die seine Verhaltensmuster nicht für die eines gottgegebenen Familienoberhauptes wahrnimmt, sondern die eines verhaltensgestörten Mannes.

Als ich letztes Jahr mit meiner Mutter zusammen sass, erwähnte sie plötzlich – wie beiläufig – dass ihr Vater ja in der Fremdenlegion gewesen sei.

Ich war total überrascht über diese neue Information. Davon hatte ich noch nie gehört.

Auf meine Nachfragen erfuhr ich, dass er vor dem 2. Weltkrieg in der spanischen Fremdenlegion war. Und als er zurückkam, ging es gleich weiter an die Front.

Wohin genau, gab ihr Erinnerungsvermögen leider nicht mehr her.

Es ist für mich unübersehbar, dass die Erfahrungen unserer Grosseltern in den Kriegsjahren eine Art Ballast sind für uns, die Enkelgeneration. Unsere Eltern sind noch mit den direkten Auswirkungen materiellen Mangels konfrontiert gewesen. Sie arbeiteten, um sich (und uns) ein besseres Leben zu ermöglichen. Viele von uns, der Weltkriegs-Enkelgeneration, sind heute damit beschäftigt, die psychischen und emotionalen Traumata und gordischen Knoten zu entwirren.

Ich fand schon in jungen Jahren, dass in Deutschland ein Ton herrschte, der einem harmonischen und freundlichen Miteinander ziemlich entgegen lief. Ich hatte lange Schwierigkeiten, mich damit zu arrangieren. Es hat mich befremdet und verunsichert. Insbesondere wohl auch deswegen, dass ich “in dieser Tonlage” nicht aufgewachsen war. Für mich wurde Deutschland erst mit dem Mauerfall real, da war ich 16. Umso überraschter war ich, als ich merkte, dass dieser Tonfall damals eine Art Standard war. Heute empfinde ich es nicht mehr sooo schlimm. Es ist deutlich besser geworden.

Aber als Teenager traf es mich unvorbereitet und es hat mich geschockt!

Aber dann fiel der Groschen, als ich meine Zelte in der Schweiz aufschlug.

Diese fast schon allgegenwärtige verbale Grobheit, gab es in der Schweiz nicht. Sie war sogar ausgesprochen verpönt. Sie war so verpönt, dass sich die Schweizer diese Grobheit zum Anlass nahmen, fast ausnahmslos schlecht über “die Deutschen” zu reden.

 

Und während ich so überlegte, warum und wieso der Umgangston in der Schweiz ein anderer war, fiel es mir auf: die Schweiz war im Krieg aussen vor. Als Kollektiv, hatten die Schweizer nicht die gleichen Kriegserfahrungen gemacht wie die Deutschen. Die in den Kriegen erlittenen psychischen Wunden, die traumatischen Erfahrungen, und wahrscheinlich auch das was wir heute als post-traumatische Belastungsstörungen bezeichnen, haben das Leben in den deutschen Familien nach dem Krieg geprägt. Es gab keine flächendeckenden Strukturen zu psychologischer Hilfe. Die Menschen waren mit Mangel, mit Hunger, und mit dem Wiederaufbau beschäftigt. “Unter der Haube” wurde nicht geschraubt. Dafür blieb keine Zeit.

Und diese Traumata haben sich in die Familiengeschichten eingegraben. Jeder von uns weiss, dass die wenigsten Kriegsteilnehmer (egal ob Täter oder Opfer) gern über ihre Erfahrungen geredet haben. Es gab Schweigen. Schweigen. Schweigen. Und massenhafte unterdrückte Emotionen.

Was hätte man ihnen auch sagen können? Was will man ihnen verübeln?

Alle waren froh, dass der Horror vorbei war.

Aber er war es nur oberflächlich.

Heute ist der 30. Januar.

Wenn ich mich richtig erinnere, hätte mein Grossvater heute Geburtstag gehabt.

Ich weiss gerade nicht sein Geburtsjahr.

Ich weiss nicht, wie alt er heute geworden wäre. Über hundert sicher.

 

Ich kann es nicht beweisen, aber ich spüre, dass seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Fremdenlegion und an der Front, noch heute Auswirkungen auf uns, auf seine Nachfahren hat.

In der Fremdenlegion hat er sehr wahrscheinlich damals mitgeholfen, Bürgerkriege niederzuschlagen. Das ist zumindest das, was mir Wikipedia zu dieser Zeit ausgespuckt hat.

 

Wenn ich mir vorstelle, wie Menschen wie du und ich, um bessere Lebensbedingungen kämpfen und Kopf und Kragen riskieren, dass es ihren Kindern mal besser geht … und dann kommen fremdländische Legionäre, Eliteeinheiten, bekannt für ihre Grausamkeiten und ersticken die kleinste Hoffnungsflamme … fühle ich Bedauern in mir.

 

Ich bin nicht verantwortlich für das was er getan hat oder getan haben könnte.

 

Aber mir wird immer klarer, dass alles was wir tun, Konsequenzen hat. Ich fühle die Last der unterdrückten Emotionen in meiner Familie. Wieder und wieder konfrontiert es mich mit deren Sprachlosigkeit.

Und dann ist da noch dieser heimliche Wunsch nach Vergessen, das Wegwischen.

‘Wenn keiner mehr drüber spricht, können wir es vielleicht alle schneller vergessen,’ lautet sein heimliches Credo. Aber so funktioniert das nicht.

 

Als Zivilisation haben wir vergessen, dass die Erfahrungen unserer Vorfahren an uns weitergegeben werden. Über die DNA.

 

Das wird heute als esoterischer Humbug abgetan. Aber mir hat noch niemand das Gegenteil beweisen können, oder auch nur im Entferntesten alternative Erklärungsansätze, die die Summe unserer gemachten Lebenserfahrungen mit in die Rechnung einbezieht.

 

Weder beginnt unsere Existenz bei der Geburt, noch endet sie mit dem Tod.

Und die Geschichten unserer Grossväter enden auch nicht mit deren Tod.

Meine Mutter sagte letztens zu mir und über mich: “Du bist jemand, den alles interessiert.”

 

Und das stimmte. Es gibt fast nichts, dass mich nicht interessiert. So ad hoc, könnte ich jetzt rauspusten, mich tangiert peripher wie ein Motor funktioniert. Das interessiert mich einfach nicht und ich hab keinen Bedarf das zu studieren.

Aber wenn es um gesellschaftliche, soziale, psychologische Themen geht … kann man mit mir über alles reden.

 

Immer mal wieder bin ich in den letzten Jahren über Artikel gestossen, in denen jemand über das oft widersprüchliche Verhältnis zu seinen Grosseltern geschrieben hat. Es sind Leute so in meinem Alter, die Weltkriegsenkel-Generation, die sich auf die Suche nach einer anderen Perspektive ihrer Familiengeschichte machen. Es sind die Weltkriegsenkel, die Fragen stellen, die bisher noch nicht gestellt wurden und sich darum bemühen, die gordischen Knoten ihrer Familiendramen zu lösen.

 

Heute stiess ich wieder auf solch einen Artikel. Er handelte davon, dass dieser Enkel die NS-Vergangenheit seines Grossvaters aufgedeckt hatte. Bis in die Details hat er sich eingegraben in dieses komplizierte Geflecht aus Entsetzen, Gewalt, Schuld und Schande. Es war nicht selbstanklagend geschrieben. Er schrieb so etwas wie, “dass sein Blut durch meine Adern fliesst ist nicht schön…”. Ich spürte sein Befremdet sein über die unverleugbar grausamen Taten seines Grossvaters. Aber ich spürte auch seine Akzeptanz über diese, seine Verbindung zu ihm.

Und während ich diesen gut geschriebenen Artikel las, dachte ich an meinen Grossvater und das Rätsel, dass ich nicht zu lösen vermochte.

 

Der Vater meiner Mutter war mir immer ein Fremder geblieben. Er hat sich für mich wenig interessiert – aus welchen Gründen auch immer.

Ich arbeite bereits seit einigen Jahren die traumatischen Nachwirkungen meiner Familienkonstellation auf. Die Muster, mit denen meine Mutter ins Leben geschickt wurde und die mir selbst in jungen Jahren das Leben zur Hölle gemacht hatten, schrieen danach aufgelöst und geheilt zu werden.

Und immer wieder war ich in dieser Reise bei meinem Grossvater, ihrem Vater, gelandet. Das Wesen, von dem ich nichts zu wissen schien. Ausser, dass er in seiner Jugend Ringer war und zu Lebzeiten ein Kurzwarengeschäft inne hatte.

Er starb, da war ich in der zweiten oder dritten Klasse. Eigentlich alt genug, um eine Handvoll an Erinnerungen an einen Menschen zu haben. Aber ich hatte derer nur zwei. Die eine war mehr oder weniger dünn in ihrem Erkenntnisgehalt. Die andere nicht, warf aber dafür einige Fragen auf, warum dieser Mensch so war wie er war.

Deutlicher sind mir dann schon einige Erzählungen meines Bruders im Kopf.

Unangefochten und ganz oben in der Entsetzen-Skala die Episode mit meinem Cousin Torsten, dem er als 5-Jährigem beim Abendessen mit dem Messer auf die Finger gehauen hatte und gesagt hatte: “Wir erziehen keine Fresser!”

 

Es gab noch mehr solcher Episoden, aber irgendwie scheine ich die ganze Zeit die Einzige zu sein, die seine Verhaltensmuster nicht für die eines gottgegebenen Familienoberhauptes wahrnimmt, sondern die eines verhaltensgestörten Mannes.

Als ich letztes Jahr mit meiner Mutter zusammen sass, erwähnte sie plötzlich – wie beiläufig – dass ihr Vater ja in der Fremdenlegion gewesen sei.

Ich war total überrascht über diese neue Information. Davon hatte ich noch nie gehört.

Auf meine Nachfragen erfuhr ich, dass er vor dem 2. Weltkrieg in der spanischen Fremdenlegion war. Und als er zurückkam, ging es gleich weiter an die Front.

Wohin genau, gab ihr Erinnerungsvermögen leider nicht mehr her.

Es ist für mich unübersehbar, dass die Erfahrungen unserer Grosseltern in den Kriegsjahren eine Art Ballast sind für uns, die Enkelgeneration. Unsere Eltern sind noch mit den direkten Auswirkungen materiellen Mangels konfrontiert gewesen. Sie arbeiteten, um sich (und uns) ein besseres Leben zu ermöglichen. Viele von uns, der Weltkriegs-Enkelgeneration, sind heute damit beschäftigt, die psychischen und emotionalen Traumata und gordischen Knoten zu entwirren.

Ich fand schon in jungen Jahren, dass in Deutschland ein Ton herrschte, der einem harmonischen und freundlichen Miteinander ziemlich entgegen lief. Ich hatte lange Schwierigkeiten, mich damit zu arrangieren. Es hat mich befremdet und verunsichert. Insbesondere wohl auch deswegen, dass ich “in dieser Tonlage” nicht aufgewachsen war. Für mich wurde Deutschland erst mit dem Mauerfall real, da war ich 16. Umso überraschter war ich, als ich merkte, dass dieser Tonfall damals eine Art Standard war. Heute empfinde ich es nicht mehr sooo schlimm. Es ist deutlich besser geworden.

Aber als Teenager traf es mich unvorbereitet und es hat mich geschockt!

Aber dann fiel der Groschen, als ich meine Zelte in der Schweiz aufschlug.

Diese fast schon allgegenwärtige verbale Grobheit, gab es in der Schweiz nicht. Sie war sogar ausgesprochen verpönt. Sie war so verpönt, dass sich die Schweizer diese Grobheit zum Anlass nahmen, fast ausnahmslos schlecht über “die Deutschen” zu reden.

 

Und während ich so überlegte, warum und wieso der Umgangston in der Schweiz ein anderer war, fiel es mir auf: die Schweiz war im Krieg aussen vor. Als Kollektiv, hatten die Schweizer nicht die gleichen Kriegserfahrungen gemacht wie die Deutschen. Die in den Kriegen erlittenen psychischen Wunden, die traumatischen Erfahrungen, und wahrscheinlich auch das was wir heute als post-traumatische Belastungsstörungen bezeichnen, haben das Leben in den deutschen Familien nach dem Krieg geprägt. Es gab keine flächendeckenden Strukturen zu psychologischer Hilfe. Die Menschen waren mit Mangel, mit Hunger, und mit dem Wiederaufbau beschäftigt. “Unter der Haube” wurde nicht geschraubt. Dafür blieb keine Zeit.

Und diese Traumata haben sich in die Familiengeschichten eingegraben. Jeder von uns weiss, dass die wenigsten Kriegsteilnehmer (egal ob Täter oder Opfer) gern über ihre Erfahrungen geredet haben. Es gab Schweigen. Schweigen. Schweigen. Und massenhafte unterdrückte Emotionen.

Was hätte man ihnen auch sagen können? Was will man ihnen verübeln?

Alle waren froh, dass der Horror vorbei war.

Aber er war es nur oberflächlich.

Heute ist der 30. Januar.

Wenn ich mich richtig erinnere, hätte mein Grossvater heute Geburtstag gehabt.

Ich weiss gerade nicht sein Geburtsjahr.

Ich weiss nicht, wie alt er heute geworden wäre. Über hundert sicher.

 

Ich kann es nicht beweisen, aber ich spüre, dass seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Fremdenlegion und an der Front, noch heute Auswirkungen auf uns, auf seine Nachfahren hat.

In der Fremdenlegion hat er sehr wahrscheinlich damals mitgeholfen, Bürgerkriege niederzuschlagen. Das ist zumindest das, was mir Wikipedia zu dieser Zeit ausgespuckt hat.

 

Wenn ich mir vorstelle, wie Menschen wie du und ich, um bessere Lebensbedingungen kämpfen und Kopf und Kragen riskieren, dass es ihren Kindern mal besser geht … und dann kommen fremdländische Legionäre, Eliteeinheiten, bekannt für ihre Grausamkeiten und ersticken die kleinste Hoffnungsflamme … fühle ich Bedauern in mir.

 

Ich bin nicht verantwortlich für das was er getan hat oder getan haben könnte.

 

Aber mir wird immer klarer, dass alles was wir tun, Konsequenzen hat. Ich fühle die Last der unterdrückten Emotionen in meiner Familie. Wieder und wieder konfrontiert es mich mit deren Sprachlosigkeit.

Und dann ist da noch dieser heimliche Wunsch nach Vergessen, das Wegwischen.

‘Wenn keiner mehr drüber spricht, können wir es vielleicht alle schneller vergessen,’ lautet sein heimliches Credo. Aber so funktioniert das nicht.

 

Als Zivilisation haben wir vergessen, dass die Erfahrungen unserer Vorfahren an uns weitergegeben werden. Über die DNA.

 

Das wird heute als esoterischer Humbug abgetan. Aber mir hat noch niemand das Gegenteil beweisen können, oder auch nur im Entferntesten alternative Erklärungsansätze, die die Summe unserer gemachten Lebenserfahrungen mit in die Rechnung einbezieht.

 

Weder beginnt unsere Existenz bei der Geburt, noch endet sie mit dem Tod.

Und die Geschichten unserer Grossväter enden auch nicht mit deren Tod.

Pin It on Pinterest

Share This