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Am Wochenende war ich auf einem Workshop.
Einem der besten, den ich je besucht hatte.

Lag vielleicht daran, dass das Thema so mega-aktuell ist, und an der Frage, wie damit umzugehen sei, jeden von uns beschäftigt, dem die Gesellschaft nicht egal ist.

In den Kommentarspalten der Zeitungen, in den sozialen Medien und im täglichen Miteinander, entblößt sich der dunkle Anteil unseres kollektiven Bewußtseins. Unübersehbar. Unüberhörbar.
Mit erschreckender Wucht bricht sich der Dreck seine Bahnen, der in den Köpfen und Gemütern schlummert. Deren Facetten sind vielgestaltig. So vielgestaltig wie erschütternd, und die Konfrontation damit, scheint irgendwie in eine Art gesellschaftskritisches Hyperventilieren zu führen.

Die Temperatur innerhalb der Gesellschaft steigt. Jeden Tag. Grad für Grad.

 

Diejenigen, die dem mittelbar oder unmittelbar ausgesetzt sind, fragen sich: wie kann man damit umgehen?

Wie kann man sich gegen die plumpen, irrationalen, abwertenden, diffamierenden, intoleranten Aussagen eines Teils unserer Gesellschaft behaupten?

Und diejenigen, die im Beobachtungsmodus sind, und vielleicht so tun als würde sie das alles nichts angehen, ahnen vielleicht schon, dass es früher oder später auch in ihre heile Welt einbrechen wird. Aber auch wenn nicht, in der Schweigespirale zu verharren, ist auf lange Sicht keine Option.

 

„The darkest places in hell are reserved for those who maintain their neutrality in times of moral crisis.“

— Dante Alighieri

 

Vielleicht war deswegen dieser Kurs restlos ausgebucht. Jeder der Teilnehmer schien mehr als einen guten Grund für sein Kommen zu haben. Ich habe alle als engagiert und offen wahrgenommen, und es wurde sofort klar, dass jeder Entwicklungspotential für sich sah, wie er/sie mit Stammtischparolen umgehen könnte.

 

Wir alle sind in irgendeiner Form mit Stereotypen und Vorurteilen programmiert.
Keiner von uns kann sich dem entziehen. Unser Familien-, Freundes- und Arbeitskreis, die Leute im Sportverein oder in der Nachbarschaft, jeder triggert in uns irgendetwas, irgendwann.
Unsere gemachten Erfahrungen schüren in uns positive oder negative Reaktionen.

 

Ich fand die Gruppe gut. Ich fühlte mich wohl dort, weil es eine ganze Menge an Leuten gab, denen Reflektion und Selbstreflexion ein Parameter im Leben zu sein schien.

In der Pause unterhielten wir uns über einige “Fälle”. Ich als einzige Deutsche unter Schweizern habe dann zugehört, wie sich die Bandbreite der erzählten Stories verlagerte: von unbewußten Ängsten, die tief in Vorurteile zementiert wurden, hin zu Beispielen des Alltagsgeschehen der Schweizer Gesellschaft.

“Die Deutschen. Nehmen uns unsere Jobs weg. Und jetzt müssen wir auf Arbeit auch schon hochdeutsch reden. Ich habe nichts gegen die Deutschen, nein! Aber auf’s einmal, ist das alles zu viel. Es sind wirklich zu viele von denen!”

Ich kenne es alles.
Als Deutsche in der Schweiz zu leben ist keine mega-lustige Angelegenheit. Zehn Jahre in diesem Land – und ich könnte Geschichten erzählen, die einfach nur schockierend und abstrus sind.

 

Da wir aber schon mal bei einem Workshop zum reflektierten Umgang mit Stammtischparolen waren, habe ich mir erlaubt, diese Ladies darauf hinzuweisen, in welchem Gefälle sie gerade unterwegs waren.
Und es ist nicht so, dass ich dieses Unwohlsein mit der Deutschen-Invasion nicht nachvollziehen könnte. Auch den Frust und die damit ausgelösten Unsicherheiten und Ängste kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen.

 

Aber, liebe Leute!
Was steckt denn da wirklich dahinter?

 

Da war das Beispiel einer Psychologin, die plötzlich am Rad gedreht hat, weil sie zwei neue, aus Deutschland kommende, Kollegen bekommen hatte. Und auf einmal hatte das Team Schlagseite bekommen, weil nur noch zwei Schweizer darunter waren. Und in den Meetings musste jetzt auch noch hochdeutsch gesprochen werden!

 

Wenn dieses Thema wirklich so von übereinstimmender gesellschaftlicher Relevanz ist, warum hat der Chef dann neue Leute aus Deutschland geholt?
Wahrscheinlich nicht, weil der Schweizer Markt keine Fachkräfte hergibt.
Wahrscheinlicher ist: die Deutschen kosten weniger Geld. Ihnen kann man ein geringeres Gehalt zahlen, als den Schweizern. Die Deutschen sind schlichtweg billiger. Und sie mucken nicht auf, weil sie vom ersten Tag an die subtile Wucht der Ablehnung ihnen gegenüber zu spüren bekommen.

 

Und dieses Denken, “billigere Arbeitskräfte, egal wie”, ist doch der eigentliche Punkt, den man sich hier anschauen muß.
Chefs machen das aus Rentabilitätsgründen.
Das interne soziale Klima scheint vernachlässigbar. Ganz besonders dann, wenn Betriebe etwas größer sind, als eine psychologische Praxis es in der Regel ist.
Im oben genannten Beispiel wurde vermutlich angenommen, dass die Fachkräfte (schließlich sind sie ja vom Fach), gut genug ausgebildet seien, um mit dieser Art von Anspannungen im Team umgehen zu können.

 

Ich sprach dann aus, dass es diese subtile Angst des Jobverlustes, der Verdrängung vom Arbeitsplatz durch billigere Arbeitskräfte, ist, die die Schweizer in diese reflexhafte Ablehnungshaltung drückt.
Die Angst der eigenen Lebensgrundlage beraubt zu werden, die Angst den eigenen Wohlstand zu verlieren, die Angst den Lebensstandard nicht halten zu können und im Standing der eigenen Gesellschaft sozial abzurutschen.

 

Ja. Die Globalisierung und ihre Auswirkungen sind auch inzwischen in der Schweiz angekommen. Die Schweiz ist keine Insel mehr. Und diese Erkenntnis tut weh.

 

Und um auf die Ängste zurückzukommen: es sind alles nachvollziehbare Ängste.
Aber diese Ängste mit unflätigen Bemerkungen, mit Ausgrenzungen, Diffamierungen oder sogar Diskriminierungen auf die Deutschen zu projizieren, ist genauso “Stammtisch”, wie die rassistischen, homophonen, religionsfeindlichen Statements, deren konstruktive Begegnung wir im Workshop üben konnten.

 

Die Ladies ließen mich mit ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht im Stich, und gaben unumwunden zu, dass der Adressat hier der Falsche sei.

 

Sich zu informieren und sich die komplexen Zusammenhänge zu erschließen – ist immer Aufwand. Es ist Arbeit, es kostet Zeit und es ist unbequem.

Einfach was dumm daher quatschen ist viel einfacher.
Es ist viel bequemer, Phrasen zu dreschen oder zu wiederholen, die ein Gemeinschaftsgefühl schaffen und Identität stiften. Gemeinsam ist man schließlich immer stärker.

 

Genau das macht sich auch die AfD zu Nutze. Oder um im Lande zu bleiben: die SVP.
Aber es bleibt doch billig.

 

Das Karma der Überrannten löst sich damit nicht auf.
Ich habe mir dann zum Schluß erlaubt den Hinweis zu bringen, dass sie in ihrem nächsten Leben dann vielleicht in Deutschland inkarnieren müssten.

 

Einer der Frauen entrang sich ein schmerzvoller Laut aus dem Herzen.
Ja. Sie wissen es ist nicht okay, was sie hier machen.
Und alles, ALLES, drängt nach Balance.

 

Früher oder später.

Am Wochenende war ich auf einem Workshop.
Einem der besten, den ich je besucht hatte.

Lag vielleicht daran, dass das Thema so mega-aktuell ist, und an der Frage, wie damit umzugehen sei, jeden von uns beschäftigt, dem die Gesellschaft nicht egal ist.

In den Kommentarspalten der Zeitungen, in den sozialen Medien und im täglichen Miteinander, entblößt sich der dunkle Anteil unseres kollektiven Bewußtseins. Unübersehbar. Unüberhörbar.
Mit erschreckender Wucht bricht sich der Dreck seine Bahnen, der in den Köpfen und Gemütern schlummert. Deren Facetten sind vielgestaltig. So vielgestaltig wie erschütternd, und die Konfrontation damit, scheint irgendwie in eine Art gesellschaftskritisches Hyperventilieren zu führen.

Die Temperatur innerhalb der Gesellschaft steigt. Jeden Tag. Grad für Grad.

 

Diejenigen, die dem mittelbar oder unmittelbar ausgesetzt sind, fragen sich: wie kann man damit umgehen?

Wie kann man sich gegen die plumpen, irrationalen, abwertenden, diffamierenden, intoleranten Aussagen eines Teils unserer Gesellschaft behaupten?

Und diejenigen, die im Beobachtungsmodus sind, und vielleicht so tun als würde sie das alles nichts angehen, ahnen vielleicht schon, dass es früher oder später auch in ihre heile Welt einbrechen wird. Aber auch wenn nicht, in der Schweigespirale zu verharren, ist auf lange Sicht keine Option.

 

„The darkest places in hell are reserved for those who maintain their neutrality in times of moral crisis.“

— Dante Alighieri

 

Vielleicht war deswegen dieser Kurs restlos ausgebucht. Jeder der Teilnehmer schien mehr als einen guten Grund für sein Kommen zu haben. Ich habe alle als engagiert und offen wahrgenommen, und es wurde sofort klar, dass jeder Entwicklungspotential für sich sah, wie er/sie mit Stammtischparolen umgehen könnte.

 

Wir alle sind in irgendeiner Form mit Stereotypen und Vorurteilen programmiert.
Keiner von uns kann sich dem entziehen. Unser Familien-, Freundes- und Arbeitskreis, die Leute im Sportverein oder in der Nachbarschaft, jeder triggert in uns irgendetwas, irgendwann.
Unsere gemachten Erfahrungen schüren in uns positive oder negative Reaktionen.

 

Ich fand die Gruppe gut. Ich fühlte mich wohl dort, weil es eine ganze Menge an Leuten gab, denen Reflektion und Selbstreflexion ein Parameter im Leben zu sein schien.

In der Pause unterhielten wir uns über einige “Fälle”. Ich als einzige Deutsche unter Schweizern habe dann zugehört, wie sich die Bandbreite der erzählten Stories verlagerte: von unbewußten Ängsten, die tief in Vorurteile zementiert wurden, hin zu Beispielen des Alltagsgeschehen der Schweizer Gesellschaft.

“Die Deutschen. Nehmen uns unsere Jobs weg. Und jetzt müssen wir auf Arbeit auch schon hochdeutsch reden. Ich habe nichts gegen die Deutschen, nein! Aber auf’s einmal, ist das alles zu viel. Es sind wirklich zu viele von denen!”

Ich kenne es alles.
Als Deutsche in der Schweiz zu leben ist keine mega-lustige Angelegenheit. Zehn Jahre in diesem Land – und ich könnte Geschichten erzählen, die einfach nur schockierend und abstrus sind.

 

Da wir aber schon mal bei einem Workshop zum reflektierten Umgang mit Stammtischparolen waren, habe ich mir erlaubt, diese Ladies darauf hinzuweisen, in welchem Gefälle sie gerade unterwegs waren.
Und es ist nicht so, dass ich dieses Unwohlsein mit der Deutschen-Invasion nicht nachvollziehen könnte. Auch den Frust und die damit ausgelösten Unsicherheiten und Ängste kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen.

 

Aber, liebe Leute!
Was steckt denn da wirklich dahinter?

 

Da war das Beispiel einer Psychologin, die plötzlich am Rad gedreht hat, weil sie zwei neue, aus Deutschland kommende, Kollegen bekommen hatte. Und auf einmal hatte das Team Schlagseite bekommen, weil nur noch zwei Schweizer darunter waren. Und in den Meetings musste jetzt auch noch hochdeutsch gesprochen werden!

 

Wenn dieses Thema wirklich so von übereinstimmender gesellschaftlicher Relevanz ist, warum hat der Chef dann neue Leute aus Deutschland geholt?
Wahrscheinlich nicht, weil der Schweizer Markt keine Fachkräfte hergibt.
Wahrscheinlicher ist: die Deutschen kosten weniger Geld. Ihnen kann man ein geringeres Gehalt zahlen, als den Schweizern. Die Deutschen sind schlichtweg billiger. Und sie mucken nicht auf, weil sie vom ersten Tag an die subtile Wucht der Ablehnung ihnen gegenüber zu spüren bekommen.

 

Und dieses Denken, “billigere Arbeitskräfte, egal wie”, ist doch der eigentliche Punkt, den man sich hier anschauen muß.
Chefs machen das aus Rentabilitätsgründen.
Das interne soziale Klima scheint vernachlässigbar. Ganz besonders dann, wenn Betriebe etwas größer sind, als eine psychologische Praxis es in der Regel ist.
Im oben genannten Beispiel wurde vermutlich angenommen, dass die Fachkräfte (schließlich sind sie ja vom Fach), gut genug ausgebildet seien, um mit dieser Art von Anspannungen im Team umgehen zu können.

 

Ich sprach dann aus, dass es diese subtile Angst des Jobverlustes, der Verdrängung vom Arbeitsplatz durch billigere Arbeitskräfte, ist, die die Schweizer in diese reflexhafte Ablehnungshaltung drückt.
Die Angst der eigenen Lebensgrundlage beraubt zu werden, die Angst den eigenen Wohlstand zu verlieren, die Angst den Lebensstandard nicht halten zu können und im Standing der eigenen Gesellschaft sozial abzurutschen.

 

Ja. Die Globalisierung und ihre Auswirkungen sind auch inzwischen in der Schweiz angekommen. Die Schweiz ist keine Insel mehr. Und diese Erkenntnis tut weh.

 

Und um auf die Ängste zurückzukommen: es sind alles nachvollziehbare Ängste.
Aber diese Ängste mit unflätigen Bemerkungen, mit Ausgrenzungen, Diffamierungen oder sogar Diskriminierungen auf die Deutschen zu projizieren, ist genauso “Stammtisch”, wie die rassistischen, homophonen, religionsfeindlichen Statements, deren konstruktive Begegnung wir im Workshop üben konnten.

 

Die Ladies ließen mich mit ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht im Stich, und gaben unumwunden zu, dass der Adressat hier der Falsche sei.

 

Sich zu informieren und sich die komplexen Zusammenhänge zu erschließen – ist immer Aufwand. Es ist Arbeit, es kostet Zeit und es ist unbequem.

Einfach was dumm daher quatschen ist viel einfacher.
Es ist viel bequemer, Phrasen zu dreschen oder zu wiederholen, die ein Gemeinschaftsgefühl schaffen und Identität stiften. Gemeinsam ist man schließlich immer stärker.

 

Genau das macht sich auch die AfD zu Nutze. Oder um im Lande zu bleiben: die SVP.
Aber es bleibt doch billig.

 

Das Karma der Überrannten löst sich damit nicht auf.
Ich habe mir dann zum Schluß erlaubt den Hinweis zu bringen, dass sie in ihrem nächsten Leben dann vielleicht in Deutschland inkarnieren müssten.

 

Einer der Frauen entrang sich ein schmerzvoller Laut aus dem Herzen.
Ja. Sie wissen es ist nicht okay, was sie hier machen.
Und alles, ALLES, drängt nach Balance.

 

Früher oder später.

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